Lieblingsautoren: Ingeborg Bachmann
Armin König:
„Ist denn der Mensch nichts unter Geschwistern wert“ ?
Überflüssig und editorisch unzureichend
Zur Veröffentlichung des Nachlass-Bands „Ich weiß
keine bessere Welt“
„Ist denn ein Mensch nichts unter Brüdern wert ?“
Mit dieser Zeile beginnt der Band der Nachlassgedichte, den Isolde Moser, Heinz
Bachmann und Christian Moser unter dem Titel „Ich weiß keine bessere Welt“ im
Piper-Verlag veröffentlicht haben. Ob die HerausgeberInnen
die Doppelbödigkeit selbst erkannt haben ? Setzen sie
doch die eigene Schwester ohne Rücksicht auf Verluste voyeuristischer
Betrachtung aus. Die Betroffene selbst kann sich nicht wehren und wird Opfer
einer sicher gut gemeinten, aber doch mit dem Ruch des Skandalösen behafteten Publikation.
Der Klappentext rechtfertigt einen Gedichtband, der zu Recht höchst
umstritten ist.
„Fast dreißig Jahre nach ihrem Tod steht der Entschluss ihrer
Geschwister, die Archive zu öffnen und auch die nachgelassenen, nicht selten
Entwurf gebliebenen Gedichte zugänglich zu machen.
Erstmals erhalten wir Einblick in Ingeborg Bachmanns Arbeitsweise, lesen
Gedichtvarianten und Versuche und begegnen gänzlich Unbekanntem. Immer ringt
Ingeborg Bachmann darin um eine neue Sprache, erspürt sensibel und leidenschaftlich
ungehörte Zwischentöne, erkundet mit neuen Worten Krankheit, Einsamkeit und das
Ende der Liebe. Ich weiß keine bessere Welt“ vervollständig das lyrische Werk
einer der größtem Dichterinnen der europäischen Moderne auf beklemmende Weise.“
„Skandal“, urteilte Peter Hamm in der „Zeit“, der von einem „elenden
Etikettenschwindel“ spricht:
Ingeborg Bachmann blieb das Unglück treu, noch über ihren schrecklichen
Tod hinaus. Für gewöhnlich kommt posthumes Künstlerunglück in der Gestalt der
Künstlerwitwe daher, seltener in der des Künstlerinnenwitwers (auch den gibt
es, man denke nur an das, was Ted Hughes mit Sylvia Plath' Tagebüchern
angestellt hat). Bei Ingeborg Bachmann, die weder einen Witwer noch Kinder
hinterließ, wirkt das Unglück in der Form der Familie, sprich: ihren beiden
Geschwistern, an die ihr Nachlass fiel. Man kennt seit Karl Kraus die
Doppelbedeutung des Wortes Familienbande. Während Ingeborg Bachmanns Bruder
Heinz als weltgewandter Ölmanager aber meist diskret im Hintergrund bleibt, hat
die Schwester Isolde Moser im Kärntner Gailtal sich des Werks Ingeborg
Bachmanns voll bemächtigt und spielt sich als dessen Hüter auf.
„Es ist dieselbe Isolde Moser, die jahrelang unter Berufung auf den
Persönlichkeitsschutz jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Werk
behinderte (als Autor eines Ingeborg-Bachmann-Films weiß ich, wovon ich rede)
und 1983 allen Ernstes verfügte, dass in den großen Bachmann-Bildband des
Piper-Verlags kein Foto von Max Frisch aufgenommen werden durfte, die dann aber
1991 die unsäglich pubertären Briefe an Felician, die
Ingeborg Bachmann als 19-Jähriger unterlaufen waren, an die Öffentlichkeit
zerrte und die jetzt mit der Herausgabe dieses Bandes ebenjenen Voyeurismus bedient, vor dem sie ihre Schwester angeblich
stets bewahren wollte. Nein, in ihr verbirgt sich wahrlich kein Max Brod, der
das Wohl der Menschheit, der ohne ihn Kafkas Werk fehlen würde, höher bewertete
als den letzten Willen des Dichterfreundes, hier ist lediglich eine
Wichtigtuerin am Werk, die wohl nur ein einziges Motiv umtreibt: Rachsucht.
Nochmals Rache an Max Frisch, der in der Familie immer schon als
Bachmann-Mörder gebrandmarkt wurde - als ob ein einziger Mensch Ursache einer
solchen Verwundung zum Tode sein könnte! -, Rache aber vielleicht auch an der
Schwester selbst und der Kunstüberlegenheit, mit der sie ihre großen Gedichte -
Erklär mir Liebe, An die Sonne, Exil - ebenjenem Lebensschlamm abtrotzte, in
den Isolde Moser sie jetzt mit dieser Publikation zurückstößt.
Warum haben die Geschwister dieses Buch auf den Markt geworfen
? Um Ingeborg Bachmann zu schaden ? Ganz im
Gegenteil. Nützen wollen sie ihr und ihrem Image.
Ihre Rechtfertig klingt durchaus schlüssig.
„Bei Durchsicht des Nachlasses, auf der Suche nach ein paar bestimmten
Blättern, fielen uns die unveröffentlichten, gesperrten Gedichte unserer
Schwester in die Hand. Das Wiederlesen nach fast drei
Jahrzehnten war für uns faszinierend, berührend und so beeindrucken, dass der
Gedanke aufkam, diese Texte nicht länger unter Verschluss zu halten, sondern
auch den Leserinnen und Lesern von Ingeborg Bachmann zugänglich zu machen.“
Also auch noch ein Dienst an den Rezipienten und eine Chance für die
Literaturwissenschaft, neue Erkenntnisse zu gewinnen ?
Das Gegenteil von gut gemacht ist gut gemeint.
Immerhin handelt es sich um Texte, die bis weit ins neue Jahrtausend im
„Giftschrank“ bleiben sollten, wenn sie überhaupt je abgedruckt werden sollten.
Die HerausgeberInnen haben dieses Problem
durchaus erkannt und formuliert.
„Die Gedichte und Entwürfe waren von unserer Schwester nicht zur
Veröffentlichung vorgesehen, aber sie hat sie aufbewahrt und nicht wie andere
Texte und Briefe vernichtet.“
Wer sich in Dichterwerkstätten auskennt, weiß, dass Autorinnen und
Autoren nicht selten Material aufbewahren,
um später – überarbeitet ! – wieder zu verwenden. Doch
zu glauben, dieses unfertige Material sollte selbst irgendwann als Originaltext
veröffentlich werden, erscheint abenteuerlich.
Im Fall Ingeborg Bachmanns hätten die Geschwister solche Einwände erst
recht berücksichtigen müssen.
„Ist denn ein Mensch nichts unter Brüdern wert ?“
heißt es im ersten Text des Bandes.
Es geht hier gewiss nicht um die Silberlinge, die die Vermarktung der mythifizierten Schwester einbringt.
Wissenschaftlich gesehen ist diese Publikation höchst unbefriedigend.
Editorische Mindestanforderungen werden sträflich missachtet.
Ernst Osterkamp („Wer ein Messer im Rücken hat, dem fällt keine
gepfefferte Metapher ein“) kritisiert dies heftig: „Die editorische Betreuung
des Bandes ist beklagenswert. Die Leser haben 27 Jahre auf diese Gedichte
gewartet, und nun werden sie plötzlich herausgeramscht, als hätten die Leser
nicht auch noch ein 28. Jahr warten können, wenn ihnen dafür eine sorgfältige
Ausgabe geboten worden wäre. Was hier Edition heißt, sagt das knappe Vorwort:
„Die Texte wurden lesbar gemacht, ohne einer textkritischen Edition vorgreifen
zu wollen“. Abgedruckt werden als Transkriptionen der Handschriften
beziehungsweise Typoskripte der Dichterin, wobei in
den Manuskripten enthaltene Korrekturen und Varianten in den Anmerkungen
dokumentiert werden. Da die Handschrift schwer lesbar ist und an manchen
Stellen nicht entziffert werden konnte, wurden die Handschriften der Gedichte
faksimiliert, nicht aber die Typoskripte, obgleich
auch sie handschriftliche Korrekturen enthalten.“
Doch das sind nicht die einzigen Schwachpunkte.
Einer fällt schon beim ersten Lesen auf: Welche Kriterien gelten für die
gewählte Reihenfolge der Texte ? Ist die Textanordnung
schlüssig ? Nach Datum ? Nach Themen ? Oder ist alles Willkür ? Wo doch die Herausgeber schreiben, dass eine
genaue chronologische Zuordnung nicht möglich sei – was nur zum Teil stimmt.
Also doch: Willkür. Es ist die Willkür literarischer Laien, die
vielleicht doch ein Motiv hatten.
Dazu ist es notwendig, auf die Umstände einzugehen, unter denen die
Texte entstanden.
Ingeborg Bachmann hat nach der Trennung von Max Frisch eine tiefe
Lebenskrise erfahren – mit existenziellen Problemen. Sie hat versucht, dies
literarisch zu verarbeiten – doch zur Veröffentlichung sind die meisten dieser
Texte nicht geeignet, wenn sie nicht voyeuristischen Neigungen Vorschub leisten
sollen.
Der Verlag hat schon Recht, wenn er im Klappentext schreibt: diese
Sammlung „vervollständigt das lyrische Werk einer der größten Dichterinnen der
europäischen Moderne auf beklemmende Weise.“
Wie wahr.
Beklemmend sind viele dieser unfertigen Produktionen, weil sie auf
exhibitionistische Weise Seelenzustände eines lyrischen Ichs beschreiben, die
die Autorin selbst so gar nicht veröffentlichen wollte.
Man mag darüber streiten, ob dies bei einer Person der Zeitgeschichte
legitim ist oder nicht. Es ist nun geschehen, und die Autorin konnte sich nicht
wehren.
„Ist denn ein Mensch nichts unter Brüdern wert ?“
Die Wunde, die Schmach, die Tränen, die Litanei – eine einzige Klage,
den Lesern offenbart im Text „Die Zelle“.
Jedes Gefühl in mir
Haben sie ausgeräuchert,
ich wie´nicht was warm
oder kalt
oder blau
ist. Ich hör einen einzigen
hohen Ton, auch wenn die
Musik nicht angeht, Ich sehe
tränengrau, wo die
anderen Farben [--]
Ich denke nichts, solang
will ich nichts denken, bis
die Schmach weggenommen
getilgt ist
bis die Beschimpfungen
genommen sind von mir.
Eine Frau leidet und kommt nicht los davon, nicht von erfahrenem
Unrecht, von Schmerzen und Ängsten.
Man hätte mit mir, mit
Jeder meiner Zellen
eine Himmelfahrt machen
können. Das Messopfer
auf meinen Wunden
auf meiner Brust die
Litanei der Bitten
und Vergebung ist noch
nicht dargebracht.
Ich sage Euch, und nicht
durch Blumen dass
die Litanei fehlt und
daß ich warte auf den
Kniefall und die Gerechtigkeit
Und daß ein Freispruch
Nur von mir kommen
kann.
Ist nicht doch diese unselige Liebesgeschichte mit Max Frisch und die
von Kritikern beschworene „Rachsucht“ der Schwester die entscheidende Rolle für
diese Publikation ?
Ingeborg Bachmann hat die Trennung und die folgende Katastrophe auf ihre
Art literarische verarbeitet, wenngleich dies ebenso katastrophale Auswirkungen
auf ihren Stil hatte. In einem solche Zustand darf man zwar Gedichte schreiben,
aber veröffentlichen sollte man sie tunlichst nicht.
Schon Literatur-Novizen erfahren schnell an den Reaktionen, dass
lyrische Krisenverarbeitung zwar psychologisch hilfreich sein kann, poetisch
aber meist unbrauchbar ist.
Zugegeben: voyeuristische Neigungen werden befriedigt:
Nach vielen Jahren
nach viel erfahrenem Unrecht,
beispiellosem Verbrechen rundum,
und Unrecht, vor dem nach Recht
schreien sinnlos wird.
Nach vielen Jahren erst, alles
gewußt, alles erfahren,
alles bekannt, geordnet, gebucht,
jetzt erst geh ich da, lieg ich da,
von Stromstößen geschüttelt,
zitternd über das ganze Segeltuch
ganz Haut, nach keinen Ermessen,
in meinem Zelt Einsamkeit,
heimgesucht von jeder Nadelspitze,
jeder Würgspur, jedem Druckmal,
ganz ein Körper, auf dem die Geschichte
und nicht die eigne, ausgetragen wird,
mit zerrauftem Haar und Schreien, die
am Bellevue die Polizei dem Krankenwagen
übergibt, auf Tragbahren geschnallt, im Regen,
von Spritzen betäubt, von Spritzen
ins Wachen geholt, ins begreifen,
was doch niemand begreift.
Wie soll einer allein soviel erleiden können,
soviele Deportationen, soviel Staub, sooft hinabgestoßen
sooft gehäutet, lebendig verbrannt, sooft
geschunden, erschossen, vergast, wie soll einer
sich hinhalten in eine Raserei
die ihm fremd ist und der heult über eine erschlagene Fliege.
Soll ich aufhören, da zu sein, damit dies aufhört.
Soll ich die Qual mir abkürzen, mit 50 Nembutal,
soll ich, da ich niemand in die Hände falle,
aus allen Händen fallen, die morden
Dass das lyrische Werk Ingeborg Bachmanns mit diesen Texten „auf
beklemmende Weise“ vervollständigt wird, meint der Verlag. Wie geht ein Leser,
der die „Anrufung des großen Bären“, „Die gestundete Zeit“ oder das Hörspiel
„Der gute Gott von Manhattan“ schätzen gelernt hat, mit solchen verstörenden
Versen um ?
Peter Hamm urteilt gnadenlos:
„Was wir vor uns haben, ist ein Konvolut aus Gestammel und Geheul, aus
Hilfe- und Racherufen, Wahn- und Todesfantasien, kurz: der ungereinigte
Lebensschlamm, der zwar von jeher den Urgrund der Poesie bildet, aus dem
Ingeborg Bachmann sich aber in den Jahren 1962 bis 1964 - also im unmittelbaren
Banne ihrer schlimmsten Lebenskatastrophe, die mit dem Ende ihrer Beziehung zu
Max Frisch über sie hereingebrochen war - nie so weit lösen konnte, dass sie
dabei zu jener Distanz gefunden hätte, ohne welche die Arbeit am Gedicht nicht
glücken kann. Im Abgrund des Unglücks schreibt man so wenig ein Gedicht wie auf
dem Gipfel des Glücks.
Zu besichtigen ist hier also nur ein enormes Elends- und
Erregungspotenzial als Material für Gedichte, die Ingeborg Bachmann später
freilich nie geschrieben hat noch schreiben wollte.“
Ernst Osterkamp empfiehlt Gelassenheit - und eine Konzentration auf die
Werke, die Ingeborg Bachmann autorisiert hat.
„Ich weiß keine bessere Welt“ ist eine überflüssige Publikation, die
editorisch unzulänglich, biografisch unzureichend erläutert und literarisch
unbefriedigend ist.
Literatur:
Bachmann, Ingeborg: Ich weiß keine bessere Welt. Unveröffentlichte
Gedichte. München 2000.
Baumgart, Reinhard und Hamm, Peter: Ingeborg
Bachmann. Eine ZEIT-Kontroverse. In: Die Zeit. 41/2000.
Moser, Isolde und Bachmann, Heinz: Vorwort. In: Bachmann, Ingeborg: Ich
weiß keine bessere Welt.
Osterkamp, Ernst: Wer ein Messer im Rücken hat, dem fällt keine
gepfefferte Metapher ein . In jeder gesperrten
Hinterlassenschaft wittert die Lesergemeinde ein furchtbares Geheimnis:
Gedichte aus dem Nachlass von Ingeborg Bachmann. In Frankfurter Allgemeine
Zeitung. Literaturbeilage vom 12. Dezember 2000, Seite L14.
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