Vom Sinn des Tagebuchschreibens im 21. Jahrhundert

 31.12.2000

Vom Sinn eines Tagebuchs

Eine Spur hinterlassen

 

Risiko! Da schreibt ein Bürgermeister auf, was er denkt und tut – als subjektiver Chronist einer repräsentativen Landgemeinde in Deutschland. Beschlossen am Silvesterabend des Jahres 2000. Reden wir nicht darüber, ob sich ein Landbürgermeister freies Denken und Schreiben erlauben kann. Er kann nämlich, denn wir haben Meinungsfreiheit, und er wird nicht geköpft, wenn er sich die Freiheit nimmt, sein Bürgerrecht wahrzunehmen. Es machen ohnehin zu wenige.  Ein Schreiber muss aber damit rechnen, dass er beim Wort genommen wird.

"Indem man es nicht verschweigt, sondern es aufschreibt, bekennt man sich zu seinem Denken, das bestenfalls für den Augenblick und für den Standort stimmt, da es sich erzeugt." Hat Max Frisch geschrieben und damit Maßstäbe gesetzt für das Tagebuch.

Dieses Tagebuch wird objektiv und zugleich subjektiv sein. Wie lange ich durchhalte, weiß ich nicht. Ein ganzes Jahrzehnt möchte ich schon schreiben. Und dann nachlesen, was das neue Jahrhundert in seiner ersten Dekade gebracht hat. Max Frisch soll Vorbild sein: 

"Man hält die Feder hin, wie eine Nadel in der Erdbebenwarte, und eigentlich sind nicht wir es, die schreiben; sondern wir werden geschrieben. Schreiben heißt: sich selber lesen. Was selten ein reines Vergnügen ist; man erschrickt auf Schritt und Tritt, man hält sich für einen fröhlichen Gesellen, und wenn man sich zufällig in einer Fensterscheibe sieht, erkennt man, dass man ein Griesgram ist." 

Es ist ja auch wahr, dass man in diesen Zeiten zum Griesgram werden könnte. Mir scheint, mit dem neuen Jahrtausend hat eine neue Depression begonnen.

Ich werde die Feder hinhalten, um all die kleinen und großen Erdbeben in der Provinz, die eigentlich keine Provinz ist, zu registrieren. Das mag nicht immer bequem sein. Aber notwendig. Weil die offiziellen Chroniken zuviel verschweigen und die falschen Helden beschreiben. An die Arbeit also. Und den Lesern viel Vergnügen oder auch Spannung.

Die Prämisse: "Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selber nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können. Wir sind das Damals, auch wenn wir es verwerfen, nicht minder als das Heute -" (Max Frisch).

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