Ein historischer Tag für Illingen: Übergabe der Illipse mit Musik und Tanz

Ein offenes Haus der Kultur

 

Das Werk ist getan, wir sind stolz und erleichtert über dieses außergewöhnli-che Haus, das zu einem Zentrum der Kultur für die ganze Gemeinde, die ganze Bevölkerung werden soll.
Wir haben gebangt, wir haben gezittert, wir haben Krisen durchgestanden, aber wir haben gemeinsam alle Probleme gemeistert: Handwerker, Politiker, Verwaltung, Architekten. 
Niemand hat uns zugetraut, diesen Termin 2001 zu halten. Wir aber haben daran geglaubt, und wir haben es geschafft. Die Illipse steht, und sie sucht im Saarland ihresgleichen. 
Ich sage nur ein Wort an alle, die mitgewirkt haben: Danke.
Natürlich gab es Zweifler, auch angesichts der Kosten von nunmehr knapp 15 Millionen Mark samt Außenanlage.
Musste das sein ?
Ja, es musste sein. Für Illingen, den Ortsteil, die Gemeinde, die Region.
Es musste sein, weil die Menschen hier in unserer Heimatregion ein solches Haus der Kultur verdient haben – in einer Gemeinde, in der Kultur schon immer eine große Rolle gespielt hat, in den Vereinen, in den Schulen, in der freien Szene, in der kommunalen Politik. 
Natürlich sind Fragen legitim.
Ist es nicht ein Anachronismus, in diesen Zeiten ausgerechnet ein Kulturforum zu bauen ? In einer Zeit, in der die Dichter sprachlos, die Künstler bild-los und die Philosophen zahnlos geworden sind ?
Ist es nicht ein Anachronismus, in diesen materialistischen Zeiten, in denen über Schließungen von Theatern ernsthaft diskutiert wird, ausgerechnet ein Haus für Musik, Theater, Literatur und Kunst zu eröffnen ? 
Nein, es ist kein Anachronismus. 
In der Kunst wurde schon immer gern geklagt und gejammert, und es hat immer schon Intendanten gegeben, die gescheitert sind, während andere Höhenflüge feierten. Auf das Programm kommt es an, und das wird auch für uns gelten.
Misstrauen wir also den Klagen.
Denn die Unterstützung ist ja da – zumindest hier bei uns. Auch in Zeiten knapper Kassen haben wir als Gemeinde Illingen nie die Kultur bluten lassen. Weil für uns Kultur einen hohen Stellenwert hat – und weil sie auch ein Standortfaktor ist. Und auch private Mäzene, öffentliche Institutionen wie die Sparkasse Neunkirchen, Gewerbevereine und die Volksbanken haben uns immer wieder unterstützt.
Kunst braucht Mäzene. Öffentliche und private. Ohne sie hätte Kultur keine Chance.
Und deshalb danken wir allen, die als öffentliche und private Mäzene dieses Haus und seine Einrichtung unterstützt haben, danken wir auch allen, die da-für gesorgt haben und weiter dafür sorgen, dass Illingen der Kultur eine Heimat bietet – und gestatten Sie mir, dass ich einige besonders nenne, oh-ne die vieles nicht möglich gewesen wäre: die frühere Landesregierung, die durch den damaligen Innenminister Friedel Läpple dafür gesorgt hat, dass ein Landeszuschuss in Höhe von 2 Millionen Mark nach Illingen geflossen ist, die jetzige Landesregierung, die in der Person von Klaus Meiser, der die Grundsteinlegung mit mir vorgenommen hat und Innenministerin Annegret Kramp-Karrenbauer Kontinuität gezeigt hat und dieses Versprechen eingelöst hat. Umweltminisiter Stefan Mörsdorf und die Europäische Gemeinschaft fördern die Umfeldgestaltung mit hunderttausenden von Mark. Und weil in ein solches Haus ein Flügel gehört, der dem Anspruch hervorragender Künstler genügt, danke ich Ursula und Edmund Meiser, der Saarland-Sporttoto GmbH und Ministerpräsident Peter Müller für die großartige Unterstützung, dank der wir uns einen Steinway-Flügel leisten können. 
Ich danke auch allen weiteren Sponsoren, die wir später noch aufführen werden. Seit Donnerstag gibt es einen Förderverein Illipse, der die Kunst in Illingen auf Dauer fördern will und wird. Mit fünf Euro sind Sie dabei. Am Infostand können Sie Weiteres erfahren. 
Öffentliche und private Förderung ist aber kein Freibrief, am Publikum vorbei zu produzieren. 
Friedrich Dürrenmatt hat schon 1972 unbequeme Gedanken zum Theaterbetrieb veröffentlicht, die viele Autoren und Schauspieler nicht goutiert haben. 
Ich rede hier keiner Mainstream-Politik das Wort, die nur das Gängige und Vermarktbare erlaubt. 
Andererseits kann Kultur auf Dauer nicht funktionieren, wenn sie völlig am Publikum vorbei geht – die Mischung macht’s, wobei Nischenkunst und –kultur ebenso erlaubt sein müssen und Förderung brauchen wie die vielfälti-gen und wichtigen Ideen unserer Vereine, der Aktion Palca und anderer Initi-ativen. Eure Arbeit ist für uns unverzichtbar. Auch dafür sage ich danke. 
Jahrelang hatte sich alles dem Primat der Wirtschaft und der Effizienz unter-zuordnen. Auch mich faszinieren Informatik, Internet und New Economy. Aber das kann nicht alles sein. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. 
Die eindrucksvollste Fabel vom Scheitern des rationalen, naturwissenschaftlichen materialistischen Weltbilds liefert Max Frischs Roman „Homo faber“. Er wurde von der Katastrophe in Tschernobyl bestätigt, als wir den Glauben an die Allmacht der Experten verloren haben, und er wird sowohl vom Börsencrash des Neuen Marktes als auch von den Ereignissen des 11. September 2001 bestätigt. 
Es ist eine verhängnisvolle Fehlentwicklung, die Geisteswissenschaften, diese angeblich brotlose Kunst unter den Universitätsfächern, abzuhalftern und ab-zumeiern. Mangelhaftes Verständnis für andere Kulturen kann tödlich sein. Und deshalb brauchen wir Kultur und Bildung wie das tägliche Brot. 
Wir wollen unseren Teil dazu beitragen, der Kultur eine Heimat zu geben. 
Die Idee, eine Kulturhalle in Illingen zu bauen, ist nicht neu. Richard Fuchs, Alt-Ortsvorsteher, hatte sie schon – mit seinem damaligen Ortsrat, und auch unter Hans-Joachim Klein hat der Ortsrat diese große, bestechende Idee nie aus den Augen verloren. Mein Vorgänger Werner Woll hat die entscheidenden Voraussetzungen für dieses Kulturforum geschaffen: Zunächst mit der Ausschreibung des Wettbewerbs für Kindergarten, Pfarrheim und Kulturhalle, dann mit dem Vertrag, den er mit Pastor Erwin Puhl aushandelte, um das Pfarrheim zu kaufen und letztlich abzureißen. Die lange Geduld und die Beharrlichkeit der Illinger haben sich ausgezahlt. Sie können sich selbst einen Eindruck von diesem neuen Haus machen. 
Dass ich die Ehre habe, dieses Werk zu vollenden, macht mich natürlich stolz. 
Aber dies ist nicht mein Werk, dies ist eine Gemeinschaftsproduktion, an der viele Anteil hatten: die Architekten Thomas Hepp und Michael Leinenbach und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Kulturhallenkommission, der Gemeinderat, der die Mittel zur Verfügung gestellt hat, die Firmen und Handwerker, die Fachingenieure und meine Verwaltung, die sehr engagiert gearbeitet hat.
Ich durfte dabei sein, und wie viele andere habe ich Herzblut für den Bau dieses Kulturforums gespendet, mich eingebracht, wie so viele andere, wie Karl-Philip Meyer beispielsweise, der die Idee hatte, die Halle um 180 Grad in den Park zu drehen.
Das entscheidende Datum für den Neubau war der 7. November 96. Eine Woche vor einer Bürgerversammlung – Pfarrheimsanierung oder Neubau – habe ich mich erstmals für einen Neubau ausgesprochen, nachdem das Gutachten zur Standsicherheit des Pfarrheims vorlag. Am 18. November hat ein Großteil der Bevölkerung diese Haltung unterstützt, einen Neubau zu wagen, die Parteien waren ebenfalls dieser Auffassung, und am 20. Dezember 1996 wurde schließlich einstimmig der Grundsatzbeschluss für den Neubau ge-fasst. 
Das war ein historisches Datum für die Gemeinde Illingen, insbesondere für den Ortsteil Illingen, weil wir mit diesem Beschluss Zeichen gesetzt haben – Zeichen dafür, dass der Mensch nicht nur vom Brot und vom Wirtschaften und Arbeiten allein lebt, sondern auch von der Kultur. 
Und wir haben ein Zeichen gesetzt, indem wir dem mutigen Entwurf der Ar-chitekten Thomas Hepp und Michael Leinenbach zugestimmt haben, ein ellip-tisches Bauwerk in den Illgrund zu setzen, das in dieser Form im Saarland keine Vorbilder hat. Und weil der Bau so ungewöhnlich ist und eine einmalige Stellung im Saarland hat, deshalb hat sich die Jury auch für einen Namen entschieden, der außergewöhnlich ist, der Illingen im Namen trägt – ebenso wie die Form der Ellipse. Auch das war mutig. Aber die ersten Reaktionen in der Presse zeigen, dass unsere Idee Früchte trägt. 
Bei aller Detailkritik, die wir in der Kulturhallenkommission immer wieder ge-äußert haben – und oft haben wir hart diskutiert, vor allem dann, wenn es um Ausgaben ging -, bei aller Detailkritik haben wir nie das Ganze, das große Werk aus den Augen verloren. Es war eine schwere, eine harte, aber auch eine tolle Arbeit, weil wir diese Illipse für die Illinger Bevölkerung wachsen sahen – von den ersten Plänen über die Bodenplatte, die Wände und Fassa-den bis hin zum Innenausbau. 
Heute kann ich sagen: Ich bin überwältigt. So hatten wir uns die Illipse – bei allem Optimismus – dann doch nicht vorgestellt. 
Es ist mir ein großes Anliegen, die zu nennen, die in der Kommission mitge-wirkt haben. 
Alfons Vogtel, Christian Petry, Alois Bäumchen, Guido Jost, Gerhard Meiser, Rolf Laubach, Rudi Guthörl, Karl Philipp Meyer, Aribert Burkhart, Inge Fuhr, Marlene Scherer, Horst Peter Eisenbeis, Thomas Dittke, Hermann Meyer, Werner Niklas, Hans Scherf, Dr. Andrea Berger, Brigitte Adamek – Rinderle, Gerald Jochem, Gordon Dirnberger, Michael Saar, und ich war auch immer dabei.
Ich möchte Ihnen nicht nur danken, ich möchte Sie auch für die ungewöhnliche Art der Zusammenarbeit loben – offen, kritisch, konstruktiv, unermüdlich, ideenreich, engagiert – wenn es sein musste, bis in die Nacht. Das hat zusammengeschweißt, und diese Einigkeit hat stark gemacht. Und deshalb möchte ich mich in Zukunft stärker an diesem Modellfall orientieren. Wir waren uns einig, ein solches Werk anzugehen und zu vollenden. Das Ergebnis spricht für sich. 
Einigkeit ist aber auch auf internationaler Bühne ein wichtiges Thema. Wir können zwar nur einen kleinen Beitrag leisten, aber wir alle wissen, dass Frieden im eigenen Bereich beginnt. Dieses Haus soll auch ein Forum der internationalen Kultur werden – mit unseren Partnergemeinden in Frankreich, Polen und Ungarn, mit internationalen Künstlern und Veranstaltungen wie der Blues-Night, die wir mit Unterstützung der Staatskanzlei gern zu einem Saar-Lor-Lux-Festival ausbauen möchten. 
Wir setzen auf Niveau. Und das können wir auch. Im nächsten Jahr kommt mit Sabine Meyer eine der weltbesten Klarinettistinnen in die Illipse. Brigitte Adamek-Rinderle hat es ermöglicht, dass dieser Herzenswunsch Wirklichkeit wurde. Sabine Meyer soll nicht die einzige Künstlerin von internationalem Rang bleiben. Daran sehen Sie, dass wir einiges vorhaben. 
In Lessings Emilia Galotti fragt Hettore Gonzaga den Maler Conti: "Was macht die Kunst ?" Conti antwortet: "Prinz, die Kunst geht nach Brot." Worauf der Prinz erwidert: "Das muss sie nicht, das soll sie nicht – in meinem kleinen Gebiete gewiss nicht.“ Das ist unsere Auffassung als Gemeinderat, das ist unsere Auffassung als Gemeinde. 
Dies ist keine Residenz des Königs, wie es ein Leserbriefschreiber bemerkt hat, auch kein Denkmal für den Gemeinderat, sondern ein Forum für alle, Kulturzentrum für die ganze Bevölkerung, für jung und alt, für Nischenkultur und Massengeschmack, für Jazz und Klassik, Operette und Rock, Theater und Kleinkunst, Literatur und Karneval. Alles ist möglich, alles erlaubt. Sogar Lyrik, für die wir eine eigene Wand im Eingangsbereich reserviert haben. Auch dies ist ein Zeichen. Danke den Dichtern, die uns die Rechte für die Veröffentlichung eingeräumt haben: Ludwig Harig, Johannes Kühn, Hans Arnfrid Astel, Ellen Diesel, Felicitas Frischmuth, Manfred Römbell. 
Kultur hat in Illingen eine neue Heimat. Die Illipse ist künftig ihr neues Domizil. 
Im Eingangsbereich lesen Sie von Max Frisch den Satz: "Die einzige Realität auf der Bühne besteht darin, dass auf der Bühne gespielt wird. Spiel gestat-tet, was das Leben nicht gestattet." Eine grandiose Aussicht, weil alles er-laubt ist.
Den Künstlern kann ich nur zurufen: Nutzt die Bühne, die wir für euch alle gebaut haben. An das Publikum geht der Aufruf, alle Angebote zu nutzen, in andere Welten einzutauchen – die der Musik, des Theaters, des Schauspiels, des Narrenspiels. Und zwar sofort, ab jetzt, nicht in einer fernen Zukunft. Denn, so Frisch: "Wir leben auf einem laufenden Band, und es gibt keine Hoffnung, dass wir uns selbst nachholen und einen Augenblick unseres Lebens verbessern können."
Lassen Sie uns keine Zeit verlieren. Die Illipse ist eröffnet, die Pauken kommen morgen, die Trompete ist schon da. 

(Tusch Dixieland Sixpack) 

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