Verantwortung in der Weltinnenpolitik als Antwort auf die Globalisierung

Das Buch:

Ulrich Bartosch / Jochen Wagner (Hrsg.):

Weltinnenpolitik. Handeln auf Wegen in der Gefahr. Carl Friedrich von Weizsäcker zum 85. Geburtstag. Neuauflage

Lit-Verlag

„Keine Weltinnenpolitik ohne einen neuen Gesellschaftskonsens“ – was Ende 2008 in Zeiten der Weltfinanz- und –wirtschaftkrise so aktuell klingt, hat Hans Küng 1997 schon gefordert. Der Vortrag bildete den Auftakt einer Tutzinger Tagung zur Weltinnenpolitik anlässlich des 85. Geburtstags Carl Friedrich von Weizsäckers. Gemeint ist mit Weltinnenpolitik eine „politische Theorie der Verantwortung mit der Nötigung zum praktischen Tun“ (Bartosch / Wagner 2008: 10).

Jetzt erfährt die Dokumentation der Tagung eine Neuauflage. Das Gros der Beiträge prominenter Autoren ist noch immer gültig: Klaus Meyer-Abichs Plädoyer, der Wirtschaft kulturelle Grenzen zu setzen ist ebenso zeitgemäß wie Peter Hennickes Verknüpfung einer globalisierten Energiepolitik mit Produktverantwortung und einer „Ökonomie des Vermeidens“. Sein Plädoyer: „Je mehr Markt desto wichtiger sind staatliche ökologische Leitplanken“, auch wenn dies die Wirtschaft nicht gern hört oder liest.

Klar ist, dass Europa der Globalisierung nicht ausweichen kann: „Sie ist unvermeidbar und unaufhaltsam, wenngleich mit höchst negativen Nebeneffekten verbunden“, stellte Hans Küng schon 1997 nüchtern fest.  Der  Protagonist eines „Projekts Weltethos“ (1990) forderte ein „ethisch fundiertes Europa – ohne Fundamentalismus, aber auch ohne Beliebigkeitspluralismus!“ (Küng 2008: 17). Friede habe Gerechtigkeit zur Voraussetzung.

Hans Joas  setzte Weltinnenpolitik in Bezug zum Kommunitarismus. Dabei sieht Joas den Kommunitarismus – also die sozial-philosophische Lehre für eine Erneuerung gemeinsamer Werte und für eine gerechte politische Ordnung – als Plattform, „auf der sich Philosophen, Sozial- und Rechtswissenschaftler, Vertreter von Verbänden freiwilliger Bürgerbetätigung sowie hochrangige aktive Politiker treffen konnten, um en Netzwerk zu schaffen, das der praktischen Überwindung der Hegemonie des individualistischen Liberalismus in allen seinen Formen dienen soll.“ (Joas 2008: 223) Das ist ein löbliches Unterfangen, das der Stärkung der Gemeinschaft und des Bürgerengagements dienen soll.

Dass der Kommunitarismus ein programmatisches Gegengewicht „zu dem Gebräu aus christlichem Fundamentalismus, Marktdogmatismus, Amerikazentrierter Außenpolitik und Science Fiction“ werden könnte – als Kontrast zur republikanischen Kongressmehrheit in den USA -, hat Joas schon 1997 skeptisch gesehen. Es brauchte elf Jahre, bis mit der Wahl Obamas die konservativ-republikanische Bush-Mischung nicht mehr mehrheitsfähig war. Dagegen erwies sich Küng als prognosesicherer: „Das neokapitalistische Modell setzt sich in Europa nicht durch“, vermutete er.

Womit er am Ende Recht behielt.

Der Trend zu einer „Diktatur des Kapitals“, von dem Ingomar Hauchler gesprochen hat, scheint fürs Erste gebrochen. Er plädiert für Global Governance als Weg aus der Gefahr. Da dies aber noch ein fern liegendes Ziel ist, empfiehlt Hauchler für eine Neuordnung des politischen Systems. Einerseits müssten sich die Nationalstaaten zu „regional integrierten Räumen“ zusammenschließen, um allmählich zu einer Weltinnenpolitik zu gelangen und dabei Völkerrecht wirksam durchsetzen zu können. Andererseits sei es notwendig, Aufgaben zu dezentralisieren. Es müsse mehr auf lokaler Ebene geregelt werden. „Damit eröffnen sich gleichzeitig auch die nötigen Freiräume, die die Zivilgesellschaft braucht, um gesellschaftlich bewusste Bürger und Eliten für das Gemeinwohl zu aktivieren“ (Hauchler 2008: 121).

Dass der Sammelband zur Ehren Carl Friedrich von Weizsäckers neu aufgelegt wurde, ist sowohl aus historischer als auch aus aktueller politikwissenschaftlicher Sicht verdienstvoll, nachdem bereits die Tutzinger Tagung 2007 zur Weltinnenpolitik als Band 1 der „Weltinnenpolitischen Colloquien“ dokumentiert wurde. Dadurch wird dem Thema „Weltinnenpolitik“ neue Aufmerksamkeit geschenkt. Gemeinsames „Handeln auf Wegen in der Gefahr“, so der Untertitel, ist auch am Jahreswechsel 2008/2009 angesagt.

Armin König (eine kürzere Version ist in der Zeitschrift ZPol-online zu lesen)

1 Comment

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Harry Gloecklerreply
6. September 2010 at 11:48

12 Jahre weiter im Schatten der Atomkraft. Jetzt haben die Energiekonzerne doch längere Laufzeiten bekommen. Und die Ablenkung heißen Steuemilliarden. Man darf gespannt sein, was die Oposition jetzt an Geschützen auffährt.

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