Große Stehende von Heinz Oliberius – Anmerkungen zur Aufstellung der Skulptur an der Burg Kerpen Illingen

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Foto: Yvonne Kronz.

Anmerkungen zur Aufstellung der Skulptur von Bürgermeister Armin König

Ein Künstler ist neu zu entdecken: Heinz Oliberius.

Er war einer der besten und produktivsten saarländischen Bildhauer. 1968 nahm er seinen Wohnsitz im Saarland, 1968 wurde er Mitglied im Saarländischen Künstlerbund, und seit dieser Zeit war er ständig präsent – mit Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, mit der Aufstellung von Skulpturen im öffentlichen Raum, mit der Gestaltung sakraler Räume. Er war ein Unermüdlicher, ein Künstler, der nicht nur Bewegung gestaltete, sondern selbst in Bewegung war. Im Künstlerlexikon Saar sind von 1968 bis zum Tod von Heinz Oliberius im Jahr 2001 – also in 33 Jahren – insgesamt rund 50 Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen verzeichnet.

Seine Skulpturen sind Teil der Alltagskultur im Land, seine Altäre, Tabernakel und Altarraumgestaltungen machen aus Kirchen Kunstwerke. Täglich begegnen hunderte Menschen seinen Brunnen, Stelen, Plastiken und gehen achtlos vorbei, den Künstler kennen sie nicht: Heinz Oliberius zählt zu den markantesten, aber nicht zu den bekanntesten Künstlern des Saarlandes. Selbst in seinem einstigen Wahl-Heimatkreis St. Wendel kennen den 2001 gestorbenen Bildhauer und Maler nur Insider. Dabei war der stille Bildhauer einer der bedeutendsten Künstler des Saarlandes.

Oliberius hat weit über das Saarland hinaus gewirkt. Neue Sezession Darmstadt, Pfalzgalerie Kaiserslautern, Ludwigshafen, Trier, Köln, Düsseldorf, Schweich, Frankfurt, Duisburg, Luxemburg, Barcelona, Forbach, Metz – das sind nur einige der Stationen. Es gab kaum ein Jahr, in dem er nicht an Künstlerbund-Austellungen teilnahm.

Zuletzt waren es die Visionen 2000 – künstlerische Positionen am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Mit der Aufstellung der Plastik Große Stehende hier im Burgpark in Illingen unmittelbar neben dem Torhaus der Burg Kerpen würdigen wir einen der großen saarländischen Künstler des späten 20. Jahrhunderts. Was wir heute in Illingen erleben, ist aus künstlerischer Sicht ei großer Tag für die Gemeinde.

Natürlich sind wir stolz darauf, dass wir überhaupt die Gelegenheit haben, ein solches Werk zu präsentieren.

Nun ist sie also da – mitten im öffentlichen Raum einer Gemeinde, die in der Vergangenheit mit Kunst nicht unbedingt gesegnet war, die aber in den letzten Jahren eine enorme Aufwertung erfahren hat. Das ist zunächst nicht das Verdienst kommunaler Politik. Es sind private Initiativen, die dies ermöglicht haben. Nach Edmund Meiser nun Margit Oliberius.

Wir haben uns im letzten Jahr zum ersten Mal getroffen, nachdem Jutta Johannes den Kontakt hergestellt hatte. Margit Oliberius führte mich an den äußersten Rand des Ostertals, an den äußersten Rand des Saarlandes, nach Saal, wo sie mir Werke zeigte, die mich tief beeindruckt haben.

Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nichts von Großen Stehenden, von König und Königin, von der Vogeltreppe oder vom roten Krokodil.

Die Große Doppelfuge vor der Musikhochschule hatte ich schon oft gesehen – aber ich wusste sie nicht zuzuordnen.

An jenem Tag in Saal wusste ich schlagartig, dass ich das Werk eines großen Künstlers vor mir hatte, der seit seinem Tod 2001 fast in Vergessenheit geraten war. Es war wie ein Blitzschlag der Erkenntnis, und ich wollte mit meinen bescheidenen Möglichkeiten dazu beitragen, Heinz Oliberius wieder die ihm gebührende Anerkennung zu verschaffen.

Die erste Gelegenheit ergab sich im Januar, als wir in der Illipse die markante schwarze Skulptur König und Königin aufstellen durften. Der Name der Skulptur ist Programm. Anklänge an das königliche Spiel Schach sind ebenso gewollt wie Assoziationen zum Hohen Lied König Salomos aus dem Alten Testament.

Nun steht also die Große Stehende im öffentlichen Raum. Neben dem Sandstein der Burg die rostrote Oberfläche einer Skulptur, die Figürliches und Abstraktes gleichermaßen vereint. Es ist ein Werk der Kontraste. Hier der starre Winkel, dort die geschwungene Linie, hier das Bodenständig-Schwere, perfekt im schweren Material ausgebildet, dort das Spielerische einer androgynen Doppelfigur die das Männliche und das Weibliche zusammenführt.

Es ist ein Schlüsselmotiv von Heinz Oliberius. Das Motiv der Begegnung und Zuwendung von Mann und Frau hat er seit den 1970er Jahren wieder und wieder ausgeführt und variiert. Trennung und Verschmelzung, Individualität und Komplementarität sind zwei Aspekte einer handwerklich perfekten Kunstausführung.

Er war ja auch ein perfekter Handwerker.

In Frankfurt absolvierte er eine Steinmetz- und Ornamenthauerlehre bei Bruno Rohde im Marmor- und Natursteinwerk.  Die Steinmetzlehre weckte sein Interesse am Gestalten und am kreativen bildhauerischen Arbeiten und führt zu dem Entschluss, sich an der Städelschule für die Bildhauerklasse von Hans Mettel zu bewerben, wo er 1959 aufgenommen wurde.

Die in dieser Zeit entstehenden Steh- und Sitzfiguren zeugen von einer Auseinandersetzung mit der Kunst Lehmbrucks und den Kompositionsgedanken Hans von Marées’ und Adolf von Hildebrands. Insbesondere die Tektonisierung im Figurenaufbau und die Reduktion des Figurganzen auf geometrische Grundformen sind für Oliberius von Bedeutung und bilden die Grundlage für sein weiteres Schaffen.

Nach Abschluss seines Studiums arbeitete Oliberius bis 1966 in Frankfurt, bevor er anschließend ins Saarland zog, zunächst nach Neunkirchen und später nach Saal im Kreis St. Wendel.

Seine Skulpturenwiese in Saal war einzigartig. Leider oder für uns glücklicherweise mussten die Skulpturen jetzt geräumt werden – wegen Nachnutzung.

Und damit kommt Margit Oliberius ins Spiel, die Witwe von Heinz Oliberius.

Ob ich mich mit einer dieser Skulpturen anfreunden könnte, wollte sie wissen. Und ob ich das konnte. Ich brauchte nur einen Blick darauf zu werfen, um zu wissen: Das sind ganz ausgezeichnete Arbeiten, große Arbeiten. Es begann mit König und Königin, und jetzt folgt die große Stehende. Ich weiß, dass auch andere sie gern aufgestellt hätten. Dass sie jetzt als Leihgabe an der Burg Kerpen ihren Platz gefunden hat, finde ich großartig. Damit wird auch unsere aktive Kulturpolitik gewürdigt. Darüber freuen wir uns sehr.

Weil wir bisher nicht gesegnet waren mit solchen Werken.

Womit ich nun auch den Übergang zu Lessing gefunden hätte, einem meiner Lieblingsautoren, der sich in der Emilia Galotti zur Situation der Kunst und des Künstlers geäußert hat. Ich habe darüber als Student eine Seminararbeit in Literaturwissenschaft geschrieben, deshalb ist mir das Thema nicht ganz fremd.

Wenn der Prinz in Emilia Galotti großherzig feststellt, dass Kunst nicht nach Brot gehen soll, in seinem kleinen Gebiete gewiss nicht, gibt dies eine schöne Pointe fürs 21. Jahrhundert. Aber so einfach ist die Sache dann doch nicht.

Illingen hat keinen Prinzen, der die Kunst großherzig sponsern kann. Und der König im Rathaus ist allenfalls ein legitimer Nachfahre der armen Ritter zu Kerpen. Aber ein Herz für Kunst und Kultur hat er sich bewahrt, und das haben auch andere schlagen hören. Am Ende hat dies den Ausschlag für den Zuschlag gegeben. Margit Oliberius fand, dies sei der richtige Ort, um das Erbe ihres Mannes zu würdigen.

Und so spielen Zufälle zuweilen eine Rolle, wenn es um künstlerische Glücksmomente geht.

Wir jedenfalls sind glücklich, dass die „Große Stehende“ in Illingen eine neue Heimat gefunden hat.

Ich danke ganz herzlich Margit Oliberius, die uns zum zweiten Mal ihr Vertrauen geschenkt hat. Wir wissen dies sehr zu schätzen und freuen uns sehr.Liebe Margit Oliberius: Danke für diese großartige Leihgabe.

Literatur:

Bayer, Andreas (2001): Heinz Oliberius – Themen und Motive. In: Museum St. Wendel (2001): Heinz Oliberius Retrospektive.

Förderverein Kunstzentrum Bosener Mühle (1997): Heinz Oliberius. Skulpturen, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen.

König, Armin (2009): Oliberius-Plastik König und Königin neu in der Illipse. Leihgabe von Margit Oliberius an Illingen – Bedeutendes Werk eines großen Saarlandes. In: Illinger Seiten v. 26. Jan. 2009.

König, Armin (2010): Heinz Oliberius. URL: http://www.arminkoenig.de/Publik/Heinz_Oliberius.pdf

Künstlerlexikon Saar: Oliberius, Heinz. URL: http://www.kuenstlerlexikonsaar.de/personen-a-z/artikel/-/oliberius-heinz/477/ (Stand: 19.7.2009)

Museum St. Wendel (2001): Heinz Oliberius Retrospektive.

Scharwath, Günter (1997): sculptura perennis. In: Förderverein Kunstzentrum Bosener Mühle (1997): Heinz Oliberius. Skupturen, Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen.

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