Für wen schreibt die FAS eigentlich?

 Es ist eine merkwürdige Ausgabe, diese Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 17. Januar 2010. "Kämpfe und Krämpfe" werden beschrieben, ein bisschen boulevardesker, als es die FAZ könnte, Der zweitklassige US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer bekommt eine Seit, um zu bekennen ": Ich liebe Würste auch. Aber ich esse sie nicht". Die Essenz des reichlich langweiligen Interviews: "Das Klima ist zu retten. Wir müssen nur Vegetarier werden". Die Seite-1-Glosse könnte von einem Volontär ersonnen sein. Ansonsten wird Magot Käßmann gut porträtiert, Michelle Obama bekommt freundliche Referenzen, und Kevin Kuranyi geht selbst "auf Schmusekurs". Mit Blick auf die CDU wird gefragt: Wo ist denn nun die Mitte? Die Reichen, die sich am Alpe-Adria-Deal der BayernLB satt gestoßen haben, werden von einer Melanie Amann mit Verve gegen Kritiker aus der Süddeutschen Zeitung und der Allgemeinheit mit dem dämlichen Argument verteidigt: "Wer eine Bank teuer verkauft, ist kein Schurke. Dumm ist, wer zu viel für sie bezahlt." Da hat die gute SZ ein paar pikante Details mehr beschrieben, als dass man sich die Verteidigung so einfach machen könnte. "Herzensgute Spender sind selten", lesen wir im Aufmacher der Wirtschaftsseite 2 neben Melanie Amanns Kommentar "Reichtum ist erlaubt". Ursula von der Leyen wird zur Gouvernante im Nannystaat, und die CDU kann sich bei der FAS bald in SPD umbenennen, wenn sich die noch existierende Sozialdemokratische Partei Deutschlands irgendwann selbst aufgelöst hat. Es gibt auch spannende Texte – etwa Jaron Laniers Kritik am Blogwesen und der Verachtung der professionellen Journalisten ("Warum die Zukunft uns noch braucht. Seid endlich realistisch! Die Träume von der offenen Kultur im Internet sind geplatzt: Die weltweite Vernetzung von Intelligenz produziert nicht Über-Intelligenz, sondern Banalität"). Inge Inge Kloepfers "Das gespaltene Land" arbeitet ein spannendes Thema gut auf: "Die Mittelschicht arbeitet verbissen dran, ihren Status zu erhalten, und grenzt sich nach unten ab."  Da entspricht den Feststellungen von Marc Beise – und auch meinen eigenen Erkenntnissen: dass nämlich die Mittelschicht immer weiter unter Druck gerät. 

 

Nimmt man alles zusammen, ist die FAS ein ziemliches Sammelsurium, ein bisschen seriös, ein bisschen boulevardesk, ein bisschen kritisch, ein bisschen neureich-urban. 

 

Nur leider hat die FAS – verglichen etwa mit der ZEIT oder der Welt am Sonntag – kein eigenes Profil, trotz sehr guter Redakteure wie Volker Weidermann. Für mich schreibt die FAS nur manchmal. Aber ich bin ja nur einer von 351873 Lesern – einer, der zufällig mal wieder reingeschaut hat. Schöner Stil, schwacher Inhalt…  

1 Comment

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Peleoreply
25. Januar 2010 at 17:39

Gute Frage. Und eine gute Antwort. Vielleicht ist ihre Linie, keine Linie zu haben?

In einer Ausgabe Riester-Kritik (scharf, begründet), in der nächsten aber das hohe Lied der kapitalgedeckten Vorsorge.

Und jetzt dieser unsägliche Artikel über die Alleinerziehenden.

Mein Eindruck: Diese Zeitung will auf jeden Fall zu denen gehören, die es immer schon gewusst haben. Egal welche politische Richtung gewinnt.

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