My Life as a Web-Man – subjektive Erfahrungen mit dem Web 2.0

Ich bin ein alter Netzwerker. Ob ich will oder nicht: ich bin es im Wortsinn. Netzwerker und alt. Älter jedenfalls, als die meisten User, mit denen ich im Kontakt stehe.

Es gibt wohl nur wenige Bürgermeister / Politiker im Saarland, die so intensiv Social Networks nutzen wie ich. Begonnen hat dies schon in den 1990er Jahren. Heute bin ich stolz auf die Erfahrungen.
Die Weberei hat sich immer mehr ausgeweitet, Das Weberschiffchen flog und flog – als Ergänzung zum Beruf. Das war und ist spannend. Die Erfahrungen und die Kontakte möchte ich nicht missen. Meine Mails schreib ich selbst. Ich lasse nicht networken.
Vor allem aber mache ich meinen Job mit Leidenschaft. Ich bin Bürgermeister mit Haut und Haaren. Einer der sich identifiziert mit seiner Gemeinde. Einer, der Gemeinde er-lebt und er-leidet. Man braucht Leidenschaft und Opferbereitschaft dafür. Ich lasse nicht bürgermeistern. Meine Verantwortung trag ich selber.
Aber nebenbei kann ich schreiben, schreiben, schreiben, ohne (wie einst die Herausgeber und Schreiber) ein Magazin selbst verlegen zu müssen. Das hat mir gefallen, und es gefällt mir noch immer. Als Bürgermeister bin ich begeistert, eine Meinung frei und ohne Redaktions-Zensor und Verlegerzustimmung äußern zu dürfen. Ich kann meine Gemeinde besser und fairer vermarkten. Schon das ist unschätzbar.
Als ehemaliger Journalist freue ich mich, dass ich heute Produktionsmittel besitze, die früher unerschwinglich waren (ich habe als Volontär die Umstellung von Bleisatz auf Fotosatz erlebt; die Maschinen waren Wunderwerke der Technik und unerschwinglich; sie leisteten dennoch nur einen Bruchteil heutiger Layoutprogramme).
So gesehen war und ist das Web genial und basisdemokratisch. Aber bestimmte Schichten hat es nicht mobilisiert. Schade.
Eigentlich hat das Internet vor allem eines bewirkt: Es hat die alten Text-Arbeiter unabhängiger von Verlegern gemacht. Und weil ein paar Gatekeeper weggefallen sind, werden auch mehr Meinungen verbreitet. Dass dabei auch mehr Schrott verbreitet wird, lässt sich verkraften.
Ich habe also profitiert, wie viele andere.
Wir können Spuren hinterlassen, die sich eingravieren.
Das ist wenig, aber mehr als nichts.
Die Blogs und Tweets sind Tagebuchaufzeichnungen einer modernen Zeit, meine Blogs decken Politik, Buchbesprechungen, Wissenschaft und Profanes ab.
Sie verschwinden nicht, weil das Web nichts vergisst.
Das kann unangenehm werden.
Aber so ist die Welt.
Manchmal gelingt es mir, alte Arbeiten auszugraben.
Man muss nur wissen, wo man graben muss.
Dann muss ich lächeln.
Über die Ansichten von gestern.
Ich schreibe, weil ich schreiben muss. Politisches, Literarisches, Kritisches.
Ich kann es mir leisten, frei zu schreiben.
Nicht weil ich reich wäre, das bin ich nicht.
Aber weil ich unabhängig bin.
Ich genieße es, mein Grundrechte auf freie Meinungsäußerungso intensiv zu nutzen wie noch nie. Damit stehe ich nicht allein.
Die Rahmenbedingungen waren noch nie so gut. Wir Web-2.0-Aktivisten sind exzellent vernetzt, bestens informiert, verlinkt und spielen Informations-Manager
Wir könnten also glücklich sein.
Aber es gibt auch andere Seiten. Ich stimme gewiss nicht ein in den Chor der Dummweb-3.0-Polemiker. Davon halte ich nichts.
Fest steht aber, dass die Social Networks unsoziale Begleiterscheinungen haben, weil sie die Beteiligten zumindest zeitweise von real life ausschalten. Das spüren auch Familienangehörige.
Wie wäre es, stundenweise, tageweise abzuschalten und keinen Screen mehr zu beobachten?
OPTION EXIT.
Stattdessen: Bücher lesen.
Um den Reizoverkill zu dämpfen.
Es beruhigt, Bücher zu lesen.
Und es vermittelt von Neuem alte Erfahrungen.
Wisst ihr noch, wie Bücher riechen, wie Geschichten schmecken?
Der eine oder andere muss es wieder erkunden.
Ich verteufele das Web 2.0 nicht, im Gegenteil. Ich genieße es.
Aber ich empfehle dosierten Genuss.
Die Mischung machts.
Und dafür will ich werben.
Im Sinne Sten Nadolnys plädiere ich deshalb für die Wiederentdeckung der Langsamkeit.
Weil es uns allen gut tut.
Vielleicht hilfts ja.
Wenn nicht: twittert weiter.
Fröhlich und heiter.
Ich twittere mit.
Bit für Bit.
(c) 2010 Armin König

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