Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch

Habe mit der Lektüre von Max Frischs drittem Tagebuch begonnen.  Zunächst 17 Zeilen über New York – und schon nach diesen ersten 17 Zeilen wird deutlich: das ist eine literarische Sensation. New York, Berzona, US-Politik mit KNOWHOW, POWER, LIBERTY, MONEY. Der Stil ist noch lakonischer als in den ersten beiden Tagebüchern, Kritik und Selbstkritik treten schärfer hervor, er schont weder sich noch andere. Besonders scharf geht er mit der US-Regierung unter dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan und der mangelnden Kritikfähigkeit der Amerikaner ins Gericht. „Darüber zu reden hat keinen Zweck – sie fühlen sich als die beste Art von Menschen, die es geben kann, und deswegen vertragen sie Kritik an Amerika nicht einmal innerhalb einer Allianz, da sie in dieser Allianz zweifellos die Stärkeren sind, also wissen sie es besser.“

Max Frisch scheut sich nicht, in seinem Tagebuch 3 auch das Thema Krebs schonungslos anzusprechen. „Er weiß genau Bescheid, wie weit sein Krebs (Blase) gediehen ist, und er lehnt die Operation ab, das ist ebenso klar. Seine Entscheidung. Er will nicht sterben als entmündigtes Objekt in der Medizin-Maschinerie. Wie also stirbt man?“

Sein Problem mit einer Frau ist ebenfalls von zentraler Bedeutung in einem Tagebuch, über das die Nachlassverwalter lange diskutiert haben: Darf man es veröffentlichen oder nicht? Muss man es veröffentlichen? Die Frau und Frischs Problem mit ihr sind von besonderem literarischen und biografischem Interesse.

Es ist die Frau, die wir kennen aus MONTAUK: Lynn. Dahinter verbirgt sich Alice Locke-Carey. Mit ihr lebte Frisch in New York zusammen. Ihr ist dieses „Tagebuch 3“ (a Frühjahr 1982) gewidmet, und vermutlich fällt das abrupte Ende der Aufzeichnungen mit der Trennung von Locke-Carey zusammen.

In einer Aufzeichnung heißt es

„Hänge ich am Leben?

Ich hänge an einer Frau.

Ist das genug?“

Es geht in diesem dritten Tagebuch um Persönliches und Politisches. Neben Beziehungs- und Existenzfragen (Krankheit, Tod) spielen auch die Reagan-Regierung in den USA, der Kalte Krieg und die Schweiz eine Rolle.

Auch dieses 3. Tagebuch ist literarisch-reflexiv angelegt.

Wäre dieses Tagebuch zu Frischs Lebzeiten entstanden, wäre ihm der Literatur-Nobelpreis wohl doch noch verliehen worden.

Das Tagebuch ist unbedingt lesenswert. Eine literarische Sensation.

Armin König

www.arminkoenig.de

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