Er fühlte die Seele des Ortes – Von Wustweiler in die ganze Welt – Nachruf auf Rudi Marx

Wir sind sehr traurig, weil Rudi Marx uns verlassen hat. Rudi war ein guter Freund. Er war ein Mensch, wie man ihn sich wünscht. Sympathisch, charmant, witzig, aber auch kritisch, anregend, ehrlich, entwaffnend, offen.

Ich habe ihn sehr geschätzt – seit jenem Tag als ich ihn beim „theater für junge leute“ interviewt und erlebt habe. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Rudi Marx war ein Kulturmensch, wie ich noch keinen erlebt habe: verwurzelt in seinem Heimatort Wustweiler und gleichzeitig weltoffen. Er war das Gedächtnis von Wustweiler, der Archivar, der Bewahrer. Er hegte und pflegte nicht nur die Heimatgeschichte, sondern auch Heimat-Geschichten, die er wunderbar erzählen konnte. Er fühlte die Seele des Ortes. Und er war der Anwalt für Kultur in der Gemeinde, ein Mensch, der uns allen bewusst gemacht hat, dass nur der Zukunft hat, der seine Wurzeln kennt und sie pflegt. Rudi hatte seinen eigenen Stil gefunden, als Heimat- und Kulturpfleger, als aufrechter christdemokratischer Lokalpolitiker, der er zeitweise war, als Motor des ständigen Ausschusses, auch als Präsident der Ischele. Rudi war der Philosoph unter den Karnevalisten. Sein tiefgründiger Humor hat uns sehr imponiert. Er konnte organisieren und motivieren. Ohne ihn gäbe es den Rosenmontagszug der Gemeinde Illingen nicht. Er, der überzeugte Netzwerker,  überzeugte auch Skeptiker, zusammenzuarbeiten. Aber er konnte auch kompromisslos sein, wenn es um Werte und Einstellungen, um Glauben und Politik ging. Mehr als einmal ist er damit angeeckt. Dann hat er Konsequenzen gezogen. Aber er konnte auch verzeihen, so wie ich dies noch selten bei einem Freund erlebt habe. Verzeihen und zusammenführen. So war er, der Rudi. Dass er seine Prinzipien hatte und von denen nicht abweichen wollte, wenn es um Ethik und Gerechtigkeit ging, hat nicht jedem gefallen, zuweilen auch nicht in der CDU. Mir hat es imponiert. Er wusste ja auch, dass man nicht jedem gefallen muss. Es geht im Leben um andere Dinge.

Leider musste er dies ab 2004 auf existenzielle Weise erfahren. Er hat gelitten, er hat gezweifelt, aber er hat es auch immer wieder geschafft, seiner Familie und seinen Freunden Mut zu machen, ihnen Zuversicht zu geben, dafür zu sorgen, dass sie nicht verzweifeln.

Einmal schrieb er: „Lieber Armin, auch wenn wir vieles nicht verstehen, auch wenn wir gelegentlich zweifeln: Gott ist da, er ist bei uns. … natürlich hat ER das wirkliche Heft in der Hand. „Herr, dein Wille geschehe“, geht uns bei Sonnenschein ganz leicht über die Lippen,  bei Regen und Sturm und noch Schlimmerem nicht mehr so leicht oder eine Zeit lang gar nicht. Ich habe es in den vergangenen Wochen mehrfach geschafft, zu beten „Herr, nicht mein, sondern Dein Wille geschehe.“ Nach diesem Beten bin ich stets innerlich sehr ruhig geworden.“

Er hatte immer Ideen. Rudi benutzte seinen Kopf zum Denken: zum Analysieren, zum Diskutieren. Aber er benutzte ihn auch zum Querdenken. Mit Schwierigkeiten wollte er sich nie abfinden.

„Körperlich bin ich noch ein wenig lädiert“, schrieb er einmal. „Aber: Es geht vorwärts und die Gesamtprognose ist gut. … Mein Kopf, das ist sogar medizinisch eindeutig erwiesen, hat überhaupt nichts Schlechtes abbekommen. Er steckt voller positiver Gedanken und Ideen. Ich bin so was von mir selbst überrascht, überrascht.“

Wir sind immer sehr offen miteinander umgegangen. Weil wir wussten, dass wir ein gemeinsames Fundament haben.

Weil er so eine besondere Persönlichkeit war, hat ihm Annegret Kramp-Karrenbauer  im Auftrag des Bundespräsidenten die Bundesverdienstmedaille überreicht. Er hatte es wirklich verdient – und er war stolz darauf. Er kokettierte nicht damit. Stattdessen lobte er seine tolle Familie und alle, die ihn unterstützten. Rudi war pflichtbewusst. Als Chef des Bürgeramtes in Saarbrücken-Brebach und der dazu gehörenden Behörden hatte er 40 Mitarbeiter. Er mochte seine Arbeit, und er wäre gern bis 65 im Dienst geblieben. Das war ihm nicht mehr vergönnt.

Dabei hatte er es zunächst gar nicht einfach. Eigentlich wollte er Aufstiegsbeamter werden – aber da gab es ein paar Hindernisse, weil andere ein paar Beziehungen hatten. Freundlich schrieb Rudi später: „Meinen beruflichen Weg bin ich auch ohne Aufstieg gegangen.“ Das war seine Art von Aufstieg. Mit seinen Worten:

„Ich wusste: Ich kann mir etwas zutrauen! Ich kann mich trauen, meine Ideen zu äußern! Ich kann mich trauen, auch Unbequemes zu sagen.“ Das haben viele an ihm geschätzt.

Christliche Jugendarbeit, internationale Begegnungen, Amateur-Theater, Dorferneuerung, Dorfverschönerung, Heimatkunde, Karneval – Rudi Marx hat viel erlebt – und er hat dabei Freundschaften gepflegt, die sehr dauerhaft waren.

Einen neuen Wind wollte er bringen. Das ist ihm gelungen. Mit Engagement, mit Herzblut  und – wie er selbst schrieb – auch „mit der Portion Esprit, die unser Herrgott mir als Gabe gegeben hat.“

Wir haben ihm so unendlich viel zu verdanken. Und er hat so wenig Aufhebens darum gemacht. Ein Vierteljahrhundert war er Heimat- und Kulturpfleger. Ein Vierteljahrhundert lang schrieb er auch den Wustweiler Brief in alle Welt. „Unser Dorf soll schöner werden“, das Dorffest – all dies gehörte zu seinen Erfolgsgeschichten.

Vor allem aber war er Freund und Weggefährte. Die Gemeinde Illingen hat ihm viel zu verdanken, für Wustweiler war er eine Vaterfigur.

Er hatte noch Wünsche und Pläne, wollte mit der lieben Familie Städtereisen unternehmen, in die Berge fahren, es sich in Wustweiler und „in unserer so liebenswürdigen Gemään“ gut gehen lassen. „Ich werde Seele und Beine bambele losse“, schrieb er letztes Jahr.

Wir hätten es ihm gegönnt. Aber er schrieb auch. „Die Rechnung darf man bekanntlich nicht ohne den „Joker“ machen. Unser Herrgott meint es grundsätzlich gut mit uns, auch wenn wir manche seiner Entscheidungen nicht verstehen, nicht verstehen können. Falls unser Herrgott – im Moment sieht es aus, als ob er mich noch eine Zeit lang auf dieser buckligen Erde lassen will – es sich anders überlegen sollte und ER sagen würde: Ich hole dich, Rudi zu mir, dann wären allerdings alle Zeitdaten Makulatur.“

Letzte Woche war er da, dieser Moment. Darüber sind wir sehr traurig. Dieser Tod schmerzt. Er trifft uns tief. Aber sein Leben, sein Wirken, seine Art, zu schreiben, machen uns auch Mut.

Rudi hat mit uns und unter uns gewohnt, und wir sind glücklich, dass wir ein Stück des Weges mit ihm gehen durften. Dass der Tod nicht das Ende ist, sagt die Bibel. Solange wir an ihn denken und daran, wie er mit uns gelebt, gelitten und gefeiert hat, solange wird sein Geist bei uns sein. Ruhe in Frieden Rudi. Du warst ein wunderbarer Freund.

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