Als wir noch Hoffnung hegten

Als wir noch Hoffnung hegten, glaubten wir an eine Weltrevolution im Saale, die die Spekulanten in ihre Schranken verweist und Banken auf den Weg zur Tugend ruft. Als wir noch Hoffnung hegten, glaubten wir an die Chancen einer weltumspannenden Klimaschutzpolitik. Als wir noch Hoffnung hegten, wünschten wir uns ein Stück Menschlichkeit in dieser durchrationalisierten, ökonomisierten Welt zurück.

Es gab ja auch Anlass zur Hoffnung. Dass sich die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer der G20 im Jahr 2008 grundsätzlich auf eine neue Weltfinanzordnung einigten, war ein großer Erfolg. Und Barack Obama wurde als großer Hoffnungsträger gefeiert.

Doch die Hoffnung, dass nach dem Sozialismus auch der britisch-amerikanische Turbokapitalismus von der Bildfläche verschwinden und den Weg für eine soziale Marktwirtschaft auf internationaler Ebene freimachen würde, trog. Obwohl geldgierig Spekulanten und Banker diesseits und jenseits des Atlantiks das globale Wirtschafts- und Finanzsystem fast zum Einsturz gebracht und in Trümmer gelegt hatten, obwohl nur koordinierte internationale Milliardenhilfen starker Staaten die Finanzwelt vor dem Kollaps retteten, blieb der Lerneffekt aus. Die Banken schlüpften zwar unter den Schutzschirm fürsorglicher Staaten, die Automobilindustrie rief nach der rettenden Politik, die Hochfinanz begab sich zerknirscht in die Niederungen der Politik, um die eigene Haut zu retten, doch mittlerweile hat sich der Wind wieder gedreht. Wie eh und je werden die Politiker gescholten, wie eh und je werden an den Börsen große Räder gedreht, wie eh und je macht die Gier das Spiel, und wo Gier ist, ist auch Unvernunft, und wo Unvernunft ist, droht Ungemach. Die Blindgänger haben wieder Konjunktur, der nächste Börsencrash kommt bestimmt, ungeachtet aller Stresstests. Die Griechenland-Krise hat auf dramatische Weise deutlich gemacht, dass keines der Systemprobleme im internationalen Finanzwesen gelöst ist.

Immerhin haben die USA in jüngster Vergangenheit mit denkbar knapper Mehrheit die wegweisende Entscheidung getroffen, die Geldbranche zu zügeln. Der Senat hat ein 2000-Seiten-Gesetz beschlossen, das schärfere Regeln für Finanzinstitute vorsieht. Doch von einer neuen Weltfinanzordnung sind wir Lichtjahre entfernt. Daran sind die Europäer schuld, aber auch Schwellenländer.

Der Mensch ist in diesem System nach wie vor eine Quantité négligeable und keineswegs die wichtigste Ressource, wie es Ökonomisten in Vorträgen gern behaupten.

Als wir noch Hoffnung hegten, glaubten wir, dass auch die Ökonomie die Bedeutung des sozialen Friedens erkennen und einpreisen und damit marktfähig machen würde. Doch die Wirtschafts- und die Finanzprofessoren sind nach wie vor nicht gewillt, die problemlos zu berechnenden Friedensrenditen zu bilanzieren. Es ist mittlerweile eine gesicherte Erkenntnis der Verhaltens- und der Sozialforschung, dass zu den Grundlagen strategischen Managements die Umweltanalyse und die Stakeholder-Orientierung gehören. Wer die Menschen, um die es geht, vernachlässigt, muss irgendwann mit Konsequenzen rechnen. Nicht selten werden daraus (quasi aus dem Nichts) Image-Katastrophen. BP und die Deutsche Bahn sind markante Beispiele. Aber auch Energieversorger wie Vattenfall und RWE haben dies schon erlebt, andere Unternehmen sind ganz vom Markt verschwunden.

Als wir noch Hoffnung hatten, konnten wir auf Einsicht durch Leidensdruck hoffen. Doch der Leidensdruck sinkt, die Wirtschaft meldet in dieser Woche ein sensationelles Anspringen der Hoffnungs-Konjunktur, was auch immer dies sein mag. Denn richtig greifbar sind die Ifo-Index-Zahlen dann doch nicht.

Die Welt wird sich also nicht bessern, wenn wir nicht selbst ein wenig dazu beitragen, sie besser zu machen.

Einst wurden wir als winzige Rädchen im Getriebe bezeichnet. Das sind wir nicht mehr.

Die Welt hat sich geändert. Aus der fordistischen Industriegesellschaft ist eine postfordistische Informationsgesellschaft geworden. Jetzt sind wir Teil eines weltweiten Netzwerks, und jeder Einzelne hat in diesem Social-Media-Netzwerk erstaunlichen Einfluss, wenn er es versteht, sich verständlich zu machen, wenn er andere begeistert, wenn er MitstreiterInnen gewinnt.

Ich bekenne: Ja, ich will die Welt ein bisschen besser machen mit dem, was ich tue, mit dem, was ich schreibe, mit dem, was ich sage. Ich hoffe, das ist nicht vermessen, im großen Social-Media-Netzwerk gibt es sogar Chancen dafür.

Ich hege noch Hoffnung…

Share your thoughts