Nein, Herr Tichy, hier liegen Sie schief – Von Chef zu Chef

Es gibt Chefredakteurskommentare, die mir Ärgernis bereiten. Heute ist es der von Roland Tichy, dem Chefredakteur der Wirtschaftswoche. Plakativ schreibt er über „Gier auf allen Ebenen des Staates“. Statt brillant substanzvoll zu argumentieren, lässt er sich dazu herab,  in mittelmäßiger Manier alt bekannte Phrasen zu dreschen und Worthülsen zu drechseln. Aber Herr Tichy, das haben Sie doch nicht nötig.

Natürlich irritiert mich in der Wiwo nicht die Unfairness gegenüber allem, was nur nach Staat riecht. Damit darf ich dort wirklich rechnen, zumindest in der Chefkolumne.

Deshalb erwarte ich dort ja auch gar kein Wort von Public Value, von Daseinsvorsorge, von sozialen Aufgaben, die niemand Anders mehr übernimmt außer den Kommunen – und Wohlfahrtsverbänden, die selbst zu Milliardenschweren Wirtschaftskonzernen geworden sind. Ich erwarte auch keine Gerechtigkeit gegenüber „dem Staat“, wer auch immer diese Krake sein soll (Paul ist es nicht).

Schon gar nicht ärgere ich mich über platte Leser-Kommentare, die Tichy noch übertreffen wollen. Das schreibt ein Klaus Grelle grell realitätsblind vom „allumfassend-unproduktiven Bürokratie-Labyrinth“. Wo lebt der grelle Herr?

Ich kenne kein „allumfassend-unproduktives Bürokratie-Labyrinth“. Aber seit 14 Jahren praktiziere ich mit meiner Gemeinde Kundenfreundlichkeit, schnelle Antragsbearbeitung, Bürgerberatung. Wir tun unser Bestes, wir kämpfen, wir freuen uns über Erfolge, handeln nachhaltig, haben mit einem kleinen Gaswerk immer auf Top-Preise im Interesse der Kunden geachtet, wir sorgen vor und bereiten den Weg zu einer demographiesensiblen Gemeinde, wir kümmern uns um Menschen mit Behinderung und um Senioren, wir sind innovativer als mancher Wirtschaftsbetrieb. Nicht immer, aber immer öfter. Wir tun also, was wir können, und manchmal können wir nicht, wie wir wollen. Oder was wir wollen, aber das kommt in den besten Familien(unternehmen) vor.

Müssen wir uns nicht trotzdem dumm anmachen lassen, weil wir eben öffentlich-rechtliches Freiwild sind, das auf Sesselfurzer-Pöstchen den Tag verschläft oder in Amts-Labyrinthen umherirrt ?

Ganz sachlich: Das müssen wir nicht. Nicht heute und nicht länger in der Zukunft. Wir haben das nicht nötig. Dieses Mindestmaß an Niveau – NIVEAU ist übrigens keine Hautcreme – erwarten wir nicht nur von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern auch von unseren Kritikerinnen und Kritikern. Und vielleicht nehmen sie auch ein paar Sachargumente zur Kenntnis.

By the Way: Uns werden immer mehr Gelder gekappt, gleichzeitig drücken uns Bund und Länder immer mehr Lasten aufs Auge. Wir stehen unter Demographiezwang, wir haben die kaufmännische Buchführung eingeführt, wir haben Produkte gebildet, die man vergleichen kann, was Auswirkungen auf unsere nun doppischen Bilanzen hat. Gebühren und Entgelte werden deshalb erhöht, weil man uns Einnahmen gekürzt und neue Lasten aufgebürdet hat, weil die Energiekonzerne Katz und Maus mit uns spielen und uns in den letzten Jahren abkassiert  haben – und weil auch wir gelernt haben, Preise nach den Regeln der Ökonomie und der Betriebswirtschaft zu bilden. Das sollten wir doch – nun werden wir dafür gesteinigt.

Wir lassen uns nicht länger vorführen. Deshalb die Festellung: Es sind die deutschen Medien, vor allem die vom Boulevard, aber auch die von Niveau, die diese Stereotypien und Vorurteile genährt haben und sie noch immer nähren. Obowhl sie es besser wissen, denn die Nachrichten über die Unterkapitalisierung udn Unterfinanzierung der Kommunen durch Landes- und Bundesrabenmütter ist hinreichend journalistisch bekannt.

Und so frage ich von Chef zu Chef auf Augenhöhe: Wir also sollen gierige Abzocker sein? Ich bitt‘ Sie, Herr Tichy. Sie wissen, dass dies indiskutabel ist. Nicht mein Niveau…

Nein, ich erwarte – wie schon gesagt – keine Ausgewogenheit von einer Chefredakteurskolumne.

Dass aber einer den Spieß umdreht und die Folgen eines marktradikalen Gier-Systems, das die Ökonomisten und Banker samt ihren Business-Schulen und Wirtschafts-Ethik-Leerstühlen brachial durchgesetzt haben, nun einem anonymen Staat in die Schuhe schiebt, der den Bankern, den Dax-Unternehmen vielen anderen Top-Verdienern nicht nur die nackte Haut, sondern auch das satte Vermögen gerettet hat (schon vergessen???), das ärgert mich dann doch.

Gier ohne Grenzen? Wer hat sie eingeführt? Wer praktiziert sie tagtäglich? Deutsche Bank-Manager ohne Moral und ihre Kollegen in diversen Großkonzernen – die völlig unverdient gigantische Millionensummen verdienen und bei Nichtmehrgefallen mit goldenem Handschlag verabschiedet werden. Und wenns um Verantwortung geht, wollen sie’s nicht gewesen sein.

Der Staat wollte die grenzenlose Gier eingrenzen und einhegen und muss sich nun beschimpfen lassen, obwohl er Erfolg hatte: Die Bürger haben nicht die Banken gestürmt. Sie sind vernünftig geblieben. Dank Angela Merkel, Peer Steinbrück und einem vorsorgenden Staat.

Zum Schluss dann noch noch eine Prise Polemik für die Lobsinger der Leistungsträgerei: Was ist das eigentlich für eine Hybris, anzunehmen, Leistungsträger gebe es nur in klimatisierten Chefetagen, in Steuerberater-Kanzleien, Advokaten-Lofts und Chefarztpraxen?! Ich bin es leid, diese ewig falschen, tumben FDP- und Wirtschaftsparolen immer wieder zu hören. Ohne  Millionen Leistungsträger in Betrieben und im öffentlichen Dienst gäbe es Deutschland nicht als Exportweltmeister. Rückt endlich mal euer Wertesystem zurecht. Ökonomisch gesprochen: menschen sind doch auch IHRE wichtigste Ressource, oder?

Tichy nimmt sich ein paar Große  wie Hamburg, stellt sie als Beispiel an den Pranger und nimmt alle in Sippenhaftung. Zulässig ist das nicht.

Welche kleine und mittlere Kommune kauft Stromnetze, Recyclingunternehmen? Der Prozentsatz der Käufer liegt unter 1 Promille der deutschen Kommunen. Das ist nicht recherchiert von Herrn Tichy, hier wird nur plakativ und irreal polemisiert.

Kluge Publizisten, Wirtschafts-  und Gesellschaftswissenschaftler (darunter Kapazitäten wie Stiglitz, Ostrom) fragen: Was ist das für eine Gesellschaft, in der sich immer mehr Reiche der Verantwortung entziehen? Was ist das für eine ökonomistische Ideologie, in der Public Value und sozialer Frieden an den Rand gedrückt statt bilanziert werden. Dabei lassen sich Public Value und die soziale Friedensdividende genauso bilanzieren wie Markenwerte (wir erinnern uns noch an die Einpreisungen in die Börsenkurse des Neuen Marktes – ich war auch unter den Mitspielern).

Wir leisten also etwas in den Kommunen, und wir sind stolz darauf, und unsere Mitarbeiter haben Anspruch darauf, dass sie dafür gelobt werden. So einfach ist das. Beschimpfen lassen wir uns nicht.

Hört also endlich auf mit diesem polemischen Gequatsche gegen den gierigen Moloch Staat. Diese Phrasen und Vorurteile missachten das Engagement Tausender, die in Kommunen gute Arbeit machen. Als Quereinsteiger in den öffentlichen Dienst kann ich dies beurteilen.

Und nun genug der Fechterein. Es wird Zeit, die Sommersonne zu genießen. Den Tichy nutzen wir als Einwickelpapier.

Wir wissen nur noch nicht, wer dann vom wem eingewickelt wird…

Nichts für ungut, Chef. Und Gruß vom Chef.

3 Comments

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Regina Görnerreply
1. August 2010 at 06:30

Du sprichst mir aus dem Herzen, Armin! Hab trotzdem einen schönen Sonntag!

asreply
1. August 2010 at 18:23

aus irgendeinem verdammten Grund sind die Gesamtabgaben aber doch zu hoch. Versaute Wiedervereinigung, Finanzkrise und alles verzockt, EU-Rettung koste es was es wolle etc.pp. Macht keinen Spaß mehr. Wir sind nur noch die Deppen im Hamsterrad.

illiconvalleyreply
1. August 2010 at 20:26
– In reply to: as

Das sehe ich ganz und gar nicht so. Und es ist vielleicht mal an der Zeit, von diesem auch ideologisch geprägten Jammer wegzukommen. Wir sind keine Deppen im Hamsterrad. Wir sind glückliche Deutsche, die nie begreifen wollen, wie gut es ihnen geht. Im übrigen empfehle ich das Evangelium des heutigen Sonntags.

Lk 12,13-21

In jenerZeit bat einer aus der Volksmenge Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen. Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich um Richter oder Schlichter bei euch gemacht? Dann sagte er zu den Leuten: Gebt acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier. Denn der Sinn des Lebens besteht nicht darin, dass ein Mensch aufgrund seines großen Vermögens im Überfluß lebt. Und er erzählte ihnen folgendes Beispiel: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte. Da überlegte er hin und her: Was soll ich tun? Ich weiß nicht, wo ich meine Ernte unterbringen soll. Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen, dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen. Dann kann ich zu mir selber sagen; Nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iß und trink, und freu dich des Lebens.! Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann all das gehören, was du angehäuft hast? So geht es jedem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber vor Gott nicht reich ist. (Lk 12,13-21)

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