Leerstände im Dorf und ein genialer Referent an der Uni Siegen

Was für ein Symposium: 300 Teilnehmer beim sperrigen Thema „Leerstände im Dorf – weiternutzen, umnutzen, liegenlassen, abreißen“! Das ist ein voller Erfolg für Prof. Dr.-Ing. Hilde Schröteler-von Brandt (FB Architektur und Städtebau der Uni Siegen) und das Thema der REGIONALE 2013 Südwestfalen. Dass ich in diesem Rahmen ein Referat zum Thema „Kommunale Strategien zum Umgang mit Leerstand“ halten darf, ist eine große Ehre. Das große Hit aber war Roland Gruber, Vorsitzender des Vereins LandLuft Wien. Ich habe in den letzten fünf Jahren keinen solchen Referenten gehört. Unkonventionell, mitreißend, pfiffig, charmant – ein Architekt, der brillant vorträgt und tolle Ergebnisse vorweisen kann. Gruber sagt: Du kannst was bewegen, wenn du willst. Du musst offen sein und die Leute mitnehmen. Und wie er das macht! Das knistert. Damit bringt er auch Skeptiker dazu, sich mit einem sehr schwierigen Thema auseinanderzusetzen, mit dem noch viele Kommunen in Deutschland und Österreich kämpfen werden.

Auch Matthias Günther vom Eduard-Pestel-Institut in Hannover ist ein Top-Referent, obwohl er im persönlichen Gespräch eher zurückhaltend wirkt. Exzellent auch, was Prof. Ulrich Exner von der Uni Siegen zu bieten hatte: Wie mit geringen Mitteln die Bespielung von Leerständen und die Sensibilisierung von Politik und Öffentlichkeit gelingen kann: „Vorübergehend geöffnet“ hieß sein Beitrag zum Designlabor Bremen. Gewinnende Referenten mit interessanten Ansätzen waren neben Gruber, Günther und Schröteler-von Brandt auch Kai Dolata von Urbikon Berlin Leipzig, Dr. Stephanie Arens und Daniel Fühner von der Südwestfalen-Agentur und Verena Traumann von der Leader-Region Hochsauerland. Von ihr erfuhren wir, wie „Dörfer im Aufwind“ agieren können, wenn sie gemeinsam handeln. Gewundert habe ich mich, dass die Gemeinde Hiddenhausen 1,3 Millionen Euro aus dem eigenen Haushalt als freiwillige Mittel zur Verfügung stellt, damit junge Menschen alte Häuser kaufen. In diesem Jahr ist die Wanderungsbilanz zum ersten Mal seit vier Jahren positiv: 53 Einwohner im plus. Die Idee ist gut, aber Hiddenhausen zahlt einen hohen Preis für ein solches Ergebnis. Wenn andere dem nacheifern, was Amtsleiter Andreas Homburg präsentierte, führt das möglicherweise zu einer Kannibalisierung der Kommunen und einer Vernichtung von Ressourcen. Ich weiß nicht, ob das richtig ist. Aber ich will nicht zu kritisch sein, schließlich war Homburg Referenten-Kollege in meinem Arbeitskreis.

In einem Punkt waren wir uns einig, auch bei der Pressekonferenz: Wer dieses Thema erfolgreich angehen will, muss die Menschen mitnehmen – dort wo sie zu Hause sind. Bürgerbeteiligung ist ein Schlüssel des Erfolgs. Aber auch die Politik muss eingebunden werden. Und in der Verwaltung muss das Thema institutionalisiert werden.

Gefreut habe ich mich, dass Organisatorin Hildegard Schröteler-von Brandt am Schluss meinen Vortrag noch einmal zum Anlass genommen hat, um an alle Politiker zu appellieren: Das Thema nicht totschweigen, sondern offen diskutieren, die Rahmenbedingungen erst mal akzeptieren und mit der Bevölkerung nach Lösungen suchen, wie Roland Gruber dies in Österreich und Illingen dies im Saarland vorgemacht hat.

Es war ein sehr, sehr produktives Symposium, und sehr gut organisiert. Ich habe eine ganze Reihe neuer Kontakte geknüpft. Und ganz nebenbei feststellt, dass auch Siegen ein „Krönchen“ hat – ein bisschen anders als mein Illiconvalley-Krönchen bei Twitter und sehr viel goldiger.

Danke für die Einladung, Frau Professor. Das war ein erstklassiges Symposium – praxisnah und theoretisch fundiert.

3 Comments

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Schröteler-von Brandtreply
9. November 2010 at 17:40

Lieber Herr König, ich habe mich sehr über die postive Resonanz von ihnen über unser Symposium gefreut und nach einem der Erholung gewidmeten Wochenende müssen auch wir die vielen interessanten Kontakte, Ideen und Meinungen erst einmal verarbeiten. Und da kann ich nur an Sie einen Glückwunsch zurückgeben. Sie waren ein toller Vertreter einer Gemeinde, die sich auf dem Weg gemacht hat und offensiv und kreativ mit dem Thema der Leerstände umgeht sowie vor allem die Handlungsoptionen einer Gemeinde viel weiter fasst und eine Bestandspolitik betreibt. Ich denke ihr aufrüttelnden Vortrag im Arbeitskreis hat auch den kommunalen Vertretern gefallen und die Rückmeldungen aus vielen Gesprächen bis heute zeigen, dass sie allen etwas zum Nachdenken mit auf den Weg gegeben haben. „Mehr Dorf für weniger Menschen“ : das kann mit ihrer Erlaubnis ein neuer Slogan werden.
Herzliche Grüße ihre Hilde Schröteler-von Brandt

illiconvalleyreply
9. November 2010 at 19:52
– In reply to: Schröteler-von Brandt

Wir freuen uns über alle, die diesen Weg mitgehen. „Mehr Dorf für weniger Menschen“ – das kann ein Slogan für Viele werden. Mir hat es viel, viel Spaß gemacht, mit so vielen interessanten Menschen zu reden. Aber reden reicht nicht. Jetzt müssen wir handeln.

Schröteler-von Brandt Hildereply
9. November 2010 at 17:44

Antwort auf Beitrag „Leerstände im Dorf“

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