Lasst uns eine Arche bauen – Veränderung als Verpflichtung

Wir leben in einer Welt der Wunder, einer Welt voller Rätsel, einer Welt voller Schönheit: Der blaue Planet ist unser irdisches Paradies.
In der Arktis, wo der Eisbär wohnt und der Antarktis, wo die Pinguine sich gute Nacht sagen, ist unser blauer Planet besonders schön. Kein Meer so blau, kein Gletscher so weiß.

Ein Paradies als Gottesgeschenk, ein Traum von einer Welt.

Doch der Mensch weiß diesen Traum anscheinend nicht zu schätzen. Wie anders ist es zu erklären, dass er diese, seine Welt auf eine Art und Weise ausbeutet, die dem Schöpfungsauftrag kaum entsprechen kann. Denn nie war dieses Paradies so sehr bedroht wie heute.

Der Klimawandel lässt auf dramatische Weise Gletscher und das ewige Eis schmelzen, die Meere und die Atmosphäre erwärmen. Tuvalu, das Naturparadies im Südwestpazifik, sieht sich auf lange Sicht dem Untergang geweiht, wenn nicht endlich gehandelt wird.

Die Regierungen dieser Erde könnten handeln. Das gilt vor allem für die mächtigsten Industrieländer der Welt. Sie wissen seit Jahren, was sie tun und welche Folgen ihr Handeln hat. Doch sie setzen weiter auf ein System, das Jahresrenditen von 25% als erstrebenswert sieht und dabei Arbeitsplätze gnadenlos wegrationalisiert, ein System, das die Unfairen belohnt und die Gerechten bestraft. Dabei zahlen viele Großkonzerne seit Jahren keine Steuern mehr, Einkommensmillionäre entziehen sich ihren sozialen Pflichten, ein Großphilosoph wie Peter Sloterdijk gefällt sich in der Pose des großen Geizkragens. Ich finde dies ziemlich übel… – es ist an der Zeit, die Verfechter des großen kapitalistischen Egoismus zu ächten

Der große Theologe Hans Küng nimmt sich die Freiheit eines Christenmenschen und sagt Nein: Ethik und Moral seien auch in der Wirtschaft unverzichtbar, meint er. Und er hat Recht. Wir brauchen ein vernünftiges Maß, wir brauchen Vertrauen, Vernunft und Verlässlichkeit, wir brauchen Regeln des Anstands, die in der Gesellschaft einzuhalten sind.

Das sagt auch ein Autor, von dem man es kaum erwartet hätte: Paul Kirchhof, der Staatsrechtler aus Heidelberg, der unser Steuersystem gerechter machen will. Schade, dass er nicht Minister wurde. In England ist es Lord Nicholas Stern, der eine Kehrtwende fordert, einer der bedeutendsten Ökonomen der Welt. Dem alten Kapitalismus hat der Lord abgeschworen. Sein Vorschlag ist Ziel führend: Ein „Global Deal“, ein Vertrag auf Gegenseitigkeit mit unseren Kindern und Enkeln, weil wir so dem Klimawandel begegnen und neuen Wohlstand schaffen können. Auch in den USA gibt es kluge Reformer: die Wirtschaftsnobelpreisträger George Akerlof, Alfred Stiglitz, Paul Krugman und Robert Shiller.

Alle kommen zum selben Schluss: Wir müssen unser Handeln ändern, getreu dem Obama-Motto: „Change – yes we can.“

Ihre Vorschläge sind schlüssig: Lebensqualität durch Fairness, durch Umweltqualität, durch Klimaschutz, durch natürliche Energie, durch starke Kultur. Zu Lebensqualität gehört auch Gerechtigkeit. Damit das Leben einen Sinn hat. Deshalb ist Gerechtigkeit für Generationen so wichtig. Notwendig ist aber auch Gerechtigkeit in sozialen Sicherungssystemen, im Umweltschutz und in der Wirtschaft.

„Gerechtigkeit nimmt die Starken in die moralische Pflicht, sozial verantwortlich zu sein, erlaubt aber auch die Freiheit, zu erneuern, zu gestalten und sich zu entfalten,“ sagt Paul Kirchhof, dieser beeidnruckende Professor aus Heidelberg. Wollen wir das nicht alle? Wir brauchen dazu aber Mut und viel Durchsetzungskraft.

Kopenhagen – die Klimakonferenz – sollte die Wende bringen, die große Umkehr. Doch Kopenhagen wurde zu einem einzigen Desaster. Am Ende war nicht einmal ein Minimalkonsens zu finden. Die Egoisten gaben wieder mal den Ausschlag. Bloß nicht bewegen, keine Abstriche, weitermachen bis alles zusammenkracht. Cancun hat immerhin Fortschritte gebracht. Es klingt zwar vieles nach Formelkompromissen, aber selbst Greenpeace kann dem Konferenzergebnis Positives abgewinnen:

„Cancún hat bisher nur den Prozess zur Erarbeitung des Klimaschutzvertrags gerettet, aber noch nicht das Klima selber. Dieses Ergebnis ist besser als zeitweise befürchtet. Trotzdem – es ist erst der Anfang, sagt der Leiter der Internationalen Klimapolitik von Greenpeace, Martin Kaiser. Er hat die Konferenz vor Ort für Greenpeace begleitet.

Bis nächstes Jahr müssen die Staaten das entscheidende Klimaschutzprotokoll im Detail erarbeiten. Der ungezügelten Verschmutzung der Atmosphäre durch Mineralöl-, Kohle- und Holzindustrie seien mit dem Papier noch längst keine Grenzen gesetzt, so Kaiser.

Immerhin: Die Grundpfeiler für einen globalen Klimaschutzvertrag sind gelegt worden – auch wenn Bolivien sich als einziges Land bis zum Ende quer stellte:

Einrichtung eines Klimaschutzfonds
Festlegung der Grenze der Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius
Sicherung von Biodiversität
Sicherung der Rechte Indigener Völker“

Europas Auftritt bezeichnet Kaiser als schwach.

Müssen wir nun tatenlos zusehen, ob die 190 Regierungen zu einem vernünftigen Ergebnis kommen?

Keineswegs, sagt Nobelpreisträgerin Elionor Ostrom: „Wir sind ja immer davon ausgegangen, dass es nur die globale Ebene gibt, um mit dem Klimaproblem umzugehen.“ Tatsächlich liege die Lösung für weltweite Probleme aber in einer klugen Mischung aus lokalem Engagement und globaler Politik. „Wenn wir immer mehr Leute davon überzeugen, dass sie selber und ihre Nachbarn etwas tun können und müssen, dann wird von unten etwas wachsen“. Dann würden auch Regierungen aktiv.

Das heißt aber, dass wir selbst aktiv werden müssen, auch lokal.

Wenn die Großen das mit dem Klima nicht hinkriegen, dann müssen die Kleinen das eben machen. Klimapolitik von unten. Eine neue Chance für die Bürger-Gesellschaft.

Aber wir müssen uns Ziele setzen.

„20 Prozent auf alles“ ist vielleicht ein blöder Slogan einer marktschreierischen Billigheimer-Werbung. Es ist aber kein blöder Slogan, wenn es um Klimaschutz geht.

20% auf alles.
Wenn damit gemeint ist: 20% weniger Benzinverbrauch, 20% weniger Stromverbrauch, 20% weniger überflüssige Autofahrten, 20% weniger CO-2, dann gewinnt dieser Slogan plötzlich System rettende Bedeutung. Denn nicht die Banken sind das wichtigste System, das wir retten müssen, sondern die Welt. Die Umwelt, in der wir leben – und die Menschen.

20% auf alles, ist das nicht völlig unrealistisch?

Nein. Die Gemeinde Illingen hat ihr Hallenbad saniert. Experten haben es vor und nach der Sanierung untersucht. Die Gemeinde hat am Ende nicht 20% Heizenergie eingespart, sondern zwischen 40 und 50%. Dank eines guten Konzepts, einer guten Architektin und guten Fachingenieuren war dies möglich. Und jetzt will Illingen diese Einspar-Erfolge bei anderen öffentlichen Gebäuden wiederholen – und sich so als „Prima-Klima-Gemeinde“ profilieren. Deshalb sanieren die pfiffigen Saarländer Sport-, Kultur- und Turnhallen. 20 % Energieeinsparung ist auch dort das Ziel. Das Gaswerk Illingen unterstützt die Gemeinde dabei. Es ist ein Schlüssel bei der ökologischen Modernisierung der Region. „Wir wollen ein Biomassekraftwerk in der Region“, sagt Bürgermeister und Verbandsvorsteher Armin König. Auch Photovoltaik spielt eine wichtige Rolle – ebenso wie andere regenerative Energien. Geothermie wurde bereits im Ortsteil Hüttigweiler erfolgreich getestet, Windkraft wird von den Illtalgemeinden Eppelborn und Marpingen genutzt.

Kommunale Energieversorger sind eine Chance für eine faire, nachhaltige regionale Wirtschafts- und Energiepolitik. Deshalb rät Bürgermeiste Armin König, die kommunalen Werke zu stärken, um energieautonomer zu werden – weniger abhängig von Großkonzernen wie dem RWE oder anderen Atomgiganten: „Denken Sie daran, wenn Sie vor der Entscheidung stehen, ob Sie für drei Groschen Brause den Gasanbieter wechseln – oder ob sie nicht einem kleinen, flexiblen, bürgernahen Werk die Chance geben wollen, unsere Umwelt, unsere Welt ein klein wenig besser zu machen.

Steigen Sie mit uns ein: Lassen Sie uns gemeinsam eine Arche bauen.“

Jeder Hauseigentümer kann den Energieverbrauch um 10% senken, ohne dass umgebaut werden muss, einfach durch Optimierung.

Die anderen 10% erreichen Bürger locker, wenn sie dreimal im Monat Ihr Auto stehen lassen und Fahrgemeinschaften nutzen oder Bus oder Bahn oder Fahrrad fahren – oder zu Fuß gehen.

Wenn Sie ein ganzes Energiesparpaket umsetzen, wird Ihre Bilanz noch besser. Photovoltaik, Gasthermie, Brauchwasser-Solarzellen. Das funktioniert alles und zeigt Wirkung. 20% auf alles sind gar nicht so blöd.

Lasst uns eine Arche bauen – das heißt auch, dass wir mit Merchweiler, Eppelborn und Marpingen zusammenzuarbeiten, den Partnern der Illrenaturierung. Und es bedeutet, dass sich der ganze Landkreis Neunkirchen neu aufstellen muss. Ökologischer, pfiffiger, innovativer. Das ist auch eine Chance für den Kreis.

Lasst uns eine Arche bauen. Wir sind es den nachfolgenden Generationen schuldig, eine lebenswerte Welt zu erhalten.

Veränderung ist uns Verpflichtung.

Armin König

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