Die Wiederentdeckung des Arnold Fortuin – ein Illinger Pfarrer im Blickpunkt deutscher und internationaler Leitmedien


29.11.2018
Kaum einer spricht in unserer Gemeinde noch über den bescheidenen, hilfsbereiten Geistlichen, der am 19. Juni 1970 in Illingen gestorben ist. National und international aber liest und hört man seinen Namen in den letzten Wochen immer häufiger. Die „Berliner Zeitung“ und „Der Spiegel“ haben über ein Integrations-Projekt geschrieben, das seinen Namen trägt. Der „Süddeutschen Zeitung“ war das Thema, bei dem unser Illinger Pfarrer eine wichtige Rolle spielt, eine Seite-3-Story wert. „Die Welt“, die “Frankfurter Rundschau und die „Berliner Morgenpost“ haben ebenfalls berichtet. Und auf europäischer Ebene sind die BBC, das finnische Fernsehen und ein französisches Magazin auf das Thema und den Namensgeber aufmerksam geworden. Die Rede ist von Arnold Fortuin, unserem ehemaligen Illinger Pastor. Arnold Fortuin wurde am 19. Oktober 1901 in Neunkirchen bei Türkismühle geboren. In St. Wendel legte er die Abiturprüfung ab. Nach seiner theologischen Ausbildung am Priesterseminar Trier wurde er am 31. Juli 1927 im Trierer Dom zum Priester geweiht. In der Pfarrei St. Michael in Saarbrücken und in Hönningen/Rhein war er bis 1933 Kaplan. Von 1933 bis 1937 arbeitete er als Religionslehrer an der Berufsschule Bad Kreuznach, vom 17. Mai 1937 bis 1950 war er Pfarrer von Beuren. Seit Januar 1951 betreute er die Pfarrei Illingen, seit 1958 in der Funktion als Definitor des Dekanates Illingen. Am 23. September 1965 ernannte ihn der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Julius Kardinal Döpfner, zum Seelsorger der Sinti und Roma in Deutschland. Für diese Tätigkeit erhielt er anlässlich einer Wallfahrt der Sinti und Roma nach Rom im Jahre 1967 eine päpstliche Urkunde. Er starb am 19. Juni 1970 in Illingen und wurde auf dem Friedhof seiner Heimatpfarrei Neunkirchen (Nahe) beerdigt.

Schon kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Fortuins kritische Position gegenüber den neuen Machthabern deutlich. Wegen seiner kritischen Haltung als Berufsschullehrer wurde er 1937 nach Beuren (Hochwald) strafversetzt. Zwei Jahre später entstand 1939 in unmittelbarer Nähe seiner Wirkungsstätte das SS-Sonderlager Hinzert. Nachdem Heinrich Himmler im Oktober 1939 seinen berüchtigten „Festsetzungserlass“ in Kraft gesetzt hatte, wurde die Situation für die Sinti und Roma dramatisch. Danach durften sie unter Androhung von KZ-Haft ihren Wohnsitz nicht verlassen. Ein halbes Jahr später fuhren auf Befehl Himmlers die ersten Deportationszüge mit Sinti- und Roma-Familien nach Polen. Für die meisten Männer, Frauen und Kinder waren es Fahrten in den Tod. Himmlers „Festsetzungserlass“ war für Arnold Fortuin das Signal zum Handeln. Er versteckte „seine“ Sinti, mit denen er seit seiner Kaplanzeit in Saarbrücken in freundschaftlicher Verbindung stand und verhalf ihnen zur Flucht nach Frankreich. Die überlebenden Sinti haben in den 50er Jahren wieder Kontakt zu Arnold Fortuin aufgenommen, und bereits 1955 gab es die erste „Zigeunerwallfahrt“ in Illingen.

Dass sein Name nun wieder aktuell ist, hängt mit Benjamin Marx zusammen. Für die katholische „Aachener Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft“ in Köln lässt der Bruder des verstorbenen Wustweiler Kulturpflegers Rudi Marx an der Ecke Harzer Straße/ Treptower Straße in Berlin-Neukölln das „Arnold-Fortuin-Haus“ sanieren, um Sinti und Roma Schutz und Unterkunft zu geben – und um sie vor politischer Hetze zu schützen („Jeder soll seinen Platz haben. Und zwar einen würdigen“). Es wird ein katholisches Vorzeige-Wohnprojekt. Jeden Mittwoch fliegt Wohnungsbau-Manager Marx von Köln nach Berlin, um die Generalsanierung in einem Haus zu überwachen, das vor einem Jahr noch für Negativ-Schlagzeilen sorgte. Am 14. September wird der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki, der Marx kennt und schätzt und dem dessen Vision imponiert, eine Messe zelebrieren, bevor das „Arnold Fortuin Haus“ in Anwesenheit des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit und des Zentralrats-Vorsitzenden der Sinti und Roma, Romani Rose, vom Kardinal eingeweiht wird. Es ist mir eine besondere Ehre, dass ich bei dieser Kardinalsmesse und der Einweihung die Gemeinde Illingen vertreten darf. Ich habe Pastor Fortuin noch gekannt. In der 6. Klasse des damals noch recht neuen Illtal-Gymnasiums war er mein Religionslehrer. Er war ein liebenswürdiger, leiser, sensibler Lehrer, fast zu liebenswürdig für eine Klasse mit 40 Quintanern. Von den Sinti und Roma wird Arnold Fortuin wie ein Heiliger verehrt.

Da gab es einen unter uns, der wohl ein Engel war, und keiner hat darüber geredet, und 42 Jahre nach seinem Tod wird er wiederentdeckt. Was für ein Wunder. Ich bin sicher, dass ich nicht der Einzige bin, der tief beeindruckt ist.

Armin König

Nachtrag

Endlich wird Arnold Fortuin gewürdigt. Die Gemeinschaftsschule Illingen hat sich den Namen Arnold-Fortuin-Schule gegeben.
Außerdem wird der Schwarze Weg 2019 umbenannt in Arnold-Fortuin-Straße.
Der Ortsrat hat bereits zugestimmt.
Im Mai 2019 wird es einen Festakt in Illingen geben.

2 Comments

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Dittmar Lauerreply
23. September 2014 at 08:30

Sehr geehrter Herr König,
schreibe zur Zeit die Chronik Hinzert-Pölert. Hinzert ist seit 1805 Filiale der Pfarrei Beuren, wo Pfarrer Fortuin gewirkt hat. Seine Seelsorge in Beuren, aber auch sein Einsatz für die Hinzerter Häftlinge werden in der Chronik einen angemessenen Platz finden. Ich wäre Ihnen daher sehr dankbar, wenn Sie mir weiter Informationen zugänglich machen könnten.
Mit freun dlicehn Grüßen

adminreply
26. September 2014 at 20:44
– In reply to: Dittmar Lauer

Aber gern. Sobald ich wieder Infos habe.

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