Demokratie weiter denken – ein Impuls zur Bürgergemeinde

Paul-Stefan Roß: Demokratie weiter denken. Reflexionen zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2012. 632 Seiten. ISBN 978-3-8329-6470-2. 49,00 EUR.

„Warum engagieren sich Menschen und was erwarten sie von ihrem Engagement?“ Mit dieser Leitfrage beginnt das anspruchsvolle Fachbuch von Paul-Stefan Roß zur Engagementförderung. Der Professor für Soziale Arbeit baut auf dem gesellschaftspolitischen Leitbild der Bürgerkommune auf. Dieses Leitbild ist für ihn die Chance, Demokratie weiter zu denken.“

Weil es sich um eine wissenschaftliche Arbeit handelt, ist das Kapitel zum Forschungsstand samt Klärung der Begriff sehr umfangreich ausgefallen. Paul-Stefan Roß spannt ideengeschichtlich einen großen Bogen von der Antike bis zur Neuzeit. Der gesellschaftliche Rahmen neuerer Diskurse reicht von den Dissidenten- und Bürgerrechtsbewegungen Ostmitteleuropas (1970er – 1980er Jahre) über Postmarxismus, Neue Linke, Studentenbewegung, Neue soziale Bewegungen in Westeuropa bis hin zu Postdemokratie, multipler Demokratie und Bürgerdemokratie. Kein großer Theorieansatz fehlt.

Damit wird die Studie von Roß zu einer echten Herausforderung für alle Leserinnen und Leser. Gleichzeitig ist sie aber auch eine Fundgrube für alle, die sich in die Theorie und Praxis bürgerschaftlichen Engagements und der Bürgerkommune einlesen wollen und Hinweise für die intensivere Beschäftigung mit den Themen suchen. Damit hat die Studie Referenzstatus. Roß hat hervorragende Arbeit geleistet, auf der künftig alle Bürgerkommunen-Ansätze aufbauen können.

 

Kompakter ist das Kapitel „Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune“ ausgefallen. Es ist vor allem für Praktiker interessant und umfasst das Leitbild und das „Grundverständnis von Bürgerkommune im Horizont der Idee der Zivilgesellschaft, „Leitsätze zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements in der Bürgerkommune“ sowie Akteure und ihre Rollen in der Bürgergemeinde. Für mich war es der interessanteste Teil der Studie, zumal ich mich derzeit selbst als Mitglied der Arbeitsgruppe Bürgerkommune der KGSt sehr intensiv mit dem Thema befasse.

Spannend sind auch die Basisthesen zur Bürgerkommune. Zentral ist für Roß die Idee der Zivilgesellschaft, die zur Grundlage einer Vision für die Entwicklung der lokalen Gemeinschaft zur Bürgerkommune wird.

Es geht dabei nicht nur um die politische Kommune, sondern um die gesamte lokale Entwicklung und Daseinsvorsorge mit ihrem umfassenden Sozial- und Wirtschaftsraum. Die zentrale These von Roß: „Die ‚Bürgerkommune’ ist ein theoretisch fundiertes und ethisch vertretbares gesellschaftspolitisches Leitbild für die lokale Ebene, an dem sich Städte und Gemeinden orientieren sollten, weil von ihm eine Stärkung des sozialen Zusammenhalts und der demokratischen Teilhabe sowie ein erhöhte Qualität lokaler Daseinsvorsorge erwartet werden kann.“ (554)

Dies ist keine Absage an die repräsentative Demokratie. Roß stimmt dem pessimistischen Ansatz einer „Postdemokratie“, wie ihn Colin Crouch vertritt, nicht zu. Für Roß hat die repräsentative Form ebenso ihre Berechtigung wie die direkte Demokratie. Sein Fazit:  „Demokratie wird bunter und vielfältiger werden, wird noch andere, stärker verhandlungsorientiert ausgerichtet Formen kennen als Wahlen und Abstimmungen.“ (592)

Mit solchen partizipativen Governance-Arrangements gebe es eine erhöhte Problemlösungskompetenz auf lokaler Ebene.

Das deckt sich übrigens mit den neuen Ansätzen zu Governance-Arrangements im Demographischen Wandel.

Fazit:
Ein anspruchsvolles Buch, das vor allem für Wissenschaftler und Studenten lesenswert ist. Für Praktiker ist das Buch etwas zu theorielastig.

Armin König

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