Landschaft. Industrie. Kultur. Demographie: Idee und Chance und Hoffnung.

Rede des Verbandsvorstehers der LIK Nord bei der Übergabe des Zuwendungsbescheids über 11,65 Millionen Euro 

 

Landschaft. Industrie. Kultur. Demographie – das sind vier Schlagwörter, vier große Themen, die scheinbar nichts gemein haben.

Landschaft. Industrie. Kultur. Demographie – das sind Begriffe, die in dieser Kombination irritieren, kontrastieren, provozieren.

Aber gerade deshalb können sie Chance sein, Chance und Hoffnung auf Neues, das wir so sehr brauchen.

Und wenn wir Ideen haben, kommt auch das Neue in die Welt.  Wir haben Ideen, sonst hätten wir nicht den Wettbewerb „Idee.Natur“ mit Bravour bestanden, der diesen heutigen Feier-Tag erst möglich gemacht hat.

Wir haben Chancen, sonst wären wir jetzt nicht unter den Auserwählten, die mit den  Ressourcen eines gesamtstaatlich repräsentativen Projekts eine Region aufwerten können  – in der einzigartigen Kombination aus Landschaft, Industrie und Kultur. Das ist einmalig. Und darauf sind wir stolz. Und deshalb ist dies heute ein guter Tag für uns.

Ich danke allen Mitstreitern, insbesondere den Gemeinden und dem Kreis, ihren Repräsentantinnen und Repräsentanten sowie ihren Bürgerinnen und Bürgern, die bei allen Problemen das Ziel nie aus den Augen verloren haben. Das gilt auch für den Beirat, die Vereine und Verbände und die RAG.

Mein besonderer Dank gilt Minister Reinhold Jost und seinem Ministerium für Umwelt und Verbraucherschutz für die hervorragende Unterstützung im Rahmen des Genehmigungsverfahrens. Für uns war dies eine Über-Lebensversicherung. Ich danke auch Umweltminister a.D. Stefan Mörsdorf, der das Projekt als „Geburtshelfer“ von Anfang an nachdrücklich unterstützt hat.

Mein Dank gilt der Präsidentin des BfN, Prof. Beate Jessel, mit der wir den Pflege- und Entwicklungsplan und vor allem die Phase 2 intensiv diskutiert und erfolgreich in die Gänge gebracht haben.

Und ich danke insbesondere Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter. Denn die Bundesregierung hat mit den Wettbewerben „Idee.Natur“, „Chance.Natur“ und dem gesamtstaatlich repräsentativen Naturschutzprojekt erst die Möglichkeiten eröffnet, die die LIK Nord nun und in Zukunft nutzen kann. Bei der Gelegenheit danke ich auch Kanzleramtsminister Peter Altmaier, dessen Wort Gewicht hatte, als es um die endgültige Ausfertigung der Projektzusage ging und den ich seit Schülerunions-Zeiten kenne.

Natürlich danke ich auch unserem Festredner Reinhard Klimmt, der wie kaum ein Anderer die Brücke zwischen Intellekt und Arbeit, zwischen Industrie und Kultur und Natur und zwischen Saar und Ruhr  zu bauen weiß. Und zu genießen weiß er auch, aber das ist eine andere Baustelle…

Vor allem aber danke ich Detlef Reinhardt, dem unermüdlichen Streiter für unsere gemeinsame Sache, der in der Klinik liegt und diesen auch für ihn großen Tag nicht miterleben kann. Ich danke ihm und wünsche ihm von dieser Stelle in unser aller Namen gute und vollständige Genesung. Keiner ist so überzeugt wie er von den Entwicklungsmöglichkeiten, die uns dieses Projekt eröffnet. Vielen Dank, lieber Detlef Reinhard. Vielen Dank auch an Dr. Anke BenAli in der Projektleitung.

Die Mittel aus dem Zuwendungsbescheid erlauben uns, Ideen umzusetzen in Chancen für unsere Region, Chancen, die Hoffnung stiften auf gemeinsame Zukunft.

 

Idee.Natur,

Chance.Natur.

Landschaft der Industriekultur.

Da geht was.

 

Gerade im demographischen und ökonomischen Wandel gilt ein Grundsatz, der auch im Hinblick auf den Naturschutz bedeutsam ist:

Die Welt gehört denen, die neu denken. Die Welt gehört denen, die anders handeln. Die Welt gehört denen, die mutig neue Wege gehen. Wir sind bereit dazu!

Mutig neue Wege zu gehen: Das war der Impuls des Wettbewerbs idee.natur:

„Naturschutzgroßprojekte als Chance für die EntwicklungIhrer Region: Potenziale erkennen, Schutz und Nutzung zusammenführen,bestehende Ansätze weiter entwickeln zu einer Vision. Interessen verknüpfen, Akteure vernetzen, Allianzen schmieden.“

Wir haben Visionen entwickelt. Wir haben Interessen verknüpft. Wir haben Akteure vernetzt. Wir haben Allianzen geschmiedet. Und wir haben einen Wettbewerb gewonnen.

Das Versprechen war außergewöhnlich:

„idee.natur … baut eine goldene Brücke zwischen Naturschützern und Naturnutzern. Sie ebnet den Weg für neue Ideen und Kooperationen und schafft mit einer verstärkten Öffentlichkeitswirkung ideale Voraussetzungen für eine breite Akzeptanz in der Region.“

Wir haben all dies wahrgemacht. Schon dies war ein Riesenerfolg in einer Region, in der ein jeder stolz auf seinen eigenen Kirchturm ist.

Wir sind zusammengewachsen. Kreisübergreifend. Institutionenübergreifend. Partei übergreifend. Und wir sind alle stolz darauf, dabei zusein.

Diese Verknüpfung, diese Vernetzung wird uns tragen.

Das sind ja auch Schlüsselthemen im demographischen Wandel: Verknüpfen und vernetzen, Kooperation statt Konfrontation und Kannibalisierung, Profilierung statt Heterogenisierung. Bürgerinnen und Bürger sind Teilnehmer und Teilhaber.

Natur und Partizipationskultur sind ein wahrer Schatz. Lasst uns diesen Schatz in der Region heben.

„Was alle angeht, können nur alle lösen“, hat Friedrich Dürrenmatt geschrieben.

 

Natürlich höre ich auch Zweifler, und ich kann die Fragen sogar verstehen in einer Zeit der Finanzkrise, der Schuldenkrise und der Konsolidierungsprogramme.

Habt ihr sonst keine anderen Sorgen als LIK Nord? Wofür die ganzen Mittel?

Die von der Industrie geschundene Landschaft soll Heimat der Kultur sein? Derweil unsere Orte schrumpfen, wir Menschen altern? Und wir ganz andere Probleme haben als Naturschutz und Landschaft und Industriekultur?

 

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, hat Ingeborg Bachmann gesagt.  Und die Wahrheit kennen wir.

Demographischer Wandel bringt Leerstände. Die Jungen bleiben weg, manche der Alten verkalken. Wo Dynamik notwendig wäre, beherrscht ängstliches Status-Quo-Denken die Szene. Aber auch die Ängstlichen, Unbeweglichen müssen erkennen, dass die alte Politik, die alte Verwaltung keine Chance mehr hat und dass wir angesichts des demographischen Wandels keine Neubaugebiete in Außenbereichen mehr brauchen, sondern neue Attraktionen.

 

Wenn Klaus Töpfer die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Deutschland in Frage stellt, dann zählen eben Kreativität, Engagement, Nachhaltigkeit, Partizipation und Identität. Das sind unsere Schätze im demographischen und gesellschaftlichen Wandel.

Mehr Dorf für weniger Menschen. Mehr(-)Wert für weniger Menschen.

 

„Das Ende der Welt, wie wir sie kannten“ – so haben Claus Leggewie und Harald Welzer ihr Buch zum Klimawandel genannt. Das Motto ist auch auf andere Gebiete zu übertragen, auf Demographie und Ökonomie, und sie haben direkt mit der Welt, in der wir leben zu tun und in der alles mit allem zusammenhängt: Globalisierung, Digitalisierung, De-Industrialisierung und manchmal auch Prekarisierung…

Wir hier in der LIK Nord wissen, was das heißt.

Wir waren die Ersten, die das schleichende Ende der Montanindustrie im Saarland erlebt haben. Viele von uns haben an Werkstorengestanden und protestiert. Ich auch.

Genutzt hat es nichts.

Das Neunkircher Eisenwerk ist dicht, die Gruben im Land geschlossen.

Demographie findet statt. Und Globalisierung ist unser Schicksal. In der Ökonomie, in Fragen der Energie, in der Ökologie.

Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, hieß erst: Ende der Eisenzeit, dann Ende der Kohlezeit.

Aber: Die Saarländer haben noch immer Mittel und Wege gefunden, Probleme zu überwinden und Neues zu schaffen.

 

Im  neuen Gedichtband von Johannes Kühn – „Zu Ende ist die Schicht“ – heißt es dazu lapidar im Gedicht „Mett de Gruwe erret aus“ (Mit den Gruben ist es aus):

 

All ess all,

aus ess aus,

Enn ess Enn!

Do kannschd de kreijsche,

do kannschde lache,

ett es änerleaij.

Nerr emo e Fasem kannschd de käfe

Von dem watt de verdieijnschd

En dene dore Gruwe.

 

Vor etwa 15 Jahren habe ich ein Gedicht geschrieben. Darin heißt es:

 

Trotzig stehen die alten

Giganten und

Recken die rostigen Stahlhälse

Und Köpfe gen Himmel

über der Blies so blau.

 

Da war schon Trotz. Und Hoffnung. Hoffnung auf Neues. Die Natur macht es uns vor:

 

In seinem Gedicht „Schlackenberg“ schreibt Johannes Kühn:

 

„Hier lebt Natur nun wieder auf.

Und aus nahen und fernen Gegenden

Fliegen und turteln die Vögel heran

Gießt mit Wollust die Wolke

Ihre fördernden Wasser hin.

Dies Leben gilt! Hierher gehen neugierige Wanderungen

Von Menschen aus der Stadt, dem Dorf.“

 

 

Und als Einsamer, der die Wege gegangen ist, beschreibt er, dass „wie ein Singen“ in seine Sinne

„ein anerkennendes Gefühl“ kam.

 

Wenn  Johannes Kühn, der große Einsame, der Eremit unter den Saardichtern, dies schon so anerkennend schreibt, dann muss etwas dran sein.

Und es ist doch genau unsere Programmatik:

Vogelzug und wilde Weiden. Wiederentdeckung der Bergmannskuh. Bergbaufolgelandschaft. Neue grüne Mitte. Neue Bilder. Neue Wege. Neue Schule der Sinne.

„Bergbau- und Eisenindustrie haben die Region zwischen Neunkirchen und Illingen über viele Jahrzehnte hinweg geprägt. Sie waren nicht nur größter Arbeitgeber, sie haben mit ihrem Wirken auch die Landschaft völlig verändert. Nach ihrem Rückzug hinterließen sie sowohl in den Köpfen der Menschen als auch in der Natur ein Vakuum. Das Vakuum der Landschaft hat die Natur längst gefüllt. Sie schuf in einem natürlichen Prozess eine Industrienatur von ökologisch und ästhetisch hoher Qualität. Diese Besonderheit, die es zu wahren und zu entwickeln gilt, ist jedoch noch nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen.

Das Naturschutzgroßprojekt „Landschaft der Industriekultur Nord“ … setzt dieses Potential in Wert und eröffnet damit für die Region neue Perspektiven.“ So steht es auf unserer Homepage.

 

Darauf hoffen wir, daran glauben wir.

Wir sind stolz auf die Vergangenheit, aber wir sind auch stolz auf unsere Ideen, mit denen wir den Wettbewerb Idee.Natur mit anderen zusammen gewonnen haben.

Wir sind stolz auf die Chance, die uns das Naturschutzgroßprojekt„Chance.Natur“ eröffnet hat.

Und wir sind stolz darauf, dass wir es geschafft haben.

Die „Landschaft der Industriekultur Nord – LIK.Nord“ repräsentiert in exemplarischer Form die Transformationsprozesse der saarländischen Montanindustrie. Ihr kommt damit für den Naturschutz in Deutschland eine nationale Bedeutung zu.

Sie alle, die Sie heute hier sind, geben uns die Möglichkeit, eine Brücke in die Zukunft zu schlagen, um schutzwürdige Teile von Natur und Landschaft in dieser urban-industriell geprägten Region dauerhaft zu erhalten und zu sichern, das historisch-kulturelle Erbe des Bergbaus zu wahren und neue kreative Perspektiven im 21. Jahrhundert zu eröffnen.

 

Ich verspreche Ihnen, dass wir uns richtig reinhängen, damit dieses Projekt nicht nur für unsere Region und ihre Städte und Gemeinden, sondern auch für das Saarland und für die Bundesrepublik zu einem Erfolg wird. Wir haben einen Schatz zu heben. Krempeln wir die Ärmel hoch. In diesem Sinne ein herzliches Glückauf!

 

Armin König, Verbandsvorsteher der LIK Nord und Bürgermeister der Gemeinde Illingen

10. Februar 2014

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