Von Männergesundheit und Führungskrisen, Saint-Exupéry und großen Motivatoren

Von Männergesundheit und  Führungskrisen, Saint-Exupéry und  großen Motivatoren

 » Um ein Schiff zu bauen genügt es eben nicht, die Segel zu hissen, die Nägel zu schmieden und die Sterne zu lesen; vielmehr muss man die eine, unteilbare Sehnsucht nach dem Meer wecken, und wo sie leuchtet, gibt es keine Gegensätze mehr, sondern Gemeinschaft in Liebe.«

Weihnachtszeit ist Ratgeber-Zeit. Ob VW-Manager oder RWE-Boss, Sportfunktionär oder Flüchtlings-Innenminister, sie alle müssen motiviert werden für den Wind des Wandels, der allenthalben weht und den Mantel der Geschichte bläht.

Und weil es in jeder Branche Führungsschwächen, Organisationsdefizite und Motivationslöcher gibt, hat eine Motivationstrainer-Industrie einen lukrativen Coaching-Markt etabliert.

Motivationstrainer lieben Metaphern: »Wenn der Wind des Wandels weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.«

Mindestens ebenso berühmt ist die angebliche Schiffsmetapher von Antoine de Saint-Exupéry:

»Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.« (angebliches Zitat)

Das klingt wunderbar und passt in viele Ratgeber. Die heißen: »Flexible Arbeitswelten: so geht’s«, »Wenn du es eilig hast, gehe langsam«, »Wie die Kirche wachsen kann und was sie davon abhält« oder »Praxis der Männergesundheit«, »Führungswechsel; Das Unternehmen von der Zukunft her führen« oder »Perspektiven der Lehrerbildung«.

Die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer, immer wieder variiert, passt in jeder Servicewüste, auf jede erstarrte Organisation, in jeden müden Männerkörper.

Irgend ein US-Lektor muss Saint-Exupéry diesen Tort angetan haben, als er das sperrige Werk »La Citadelle« ins Amerikanische übersetzen ließ. Das geschah allerdings sehr frei, denn in der Wüstenstadt werden weder Männer zusammengetrommelt noch wird Holz beschafft, und Aufgaben werden auch nicht vergeben, so wie’s im Unternehmen geschieht.

Zugegeben: das esoterische Großwerk »Citadelle«, im Original 1948 bei Gallimard erschienen und in deutscher Übersetzung im Kleinen-Prinz-Verlag Karl Rauch erst mit jahrelanger Verspätung 1956 auf den Markt gebracht, ist nicht sehr verbreitet. Eine Digital-Variante auf Deutsch findet man bisher nicht, und nur wer in Foren recherchiert, stößt nach und nach auf die Originalzeilen in der Originalquelle. Auf die Zitadelle eben.

Dort schreibt der einstige Flieger Saint-Exupéry philosophisch hoch fliegend (»Allein das Absolute zählt, das aus dem Glauben, der Inbrunst oder der Sehnsucht hervorgeht«) über Einheit und Vielfalt, über Unordnung und Vereinfachung, über das Aufschwingen, um das Ganze zu überblicken, und das Werden eines Werkes.

Niemals hätte der Fabulierer und Romantisierer so simple Sätze geschrieben wie die verballhornten US-Motivations-Kicks.

Im Original steht eben nicht: »Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.«

Die Männer sollen sehr wohl unterschiedlichste Beschäftigungen ausüben, und sie sollen sich auch spezialisieren, und es reicht keineswegs, ihnen nur Sehnsucht zu vermitteln, das Team braucht auch Handlungskompetenz, nicht nur emotionale Sehnsuchtsintelligenz. Dafür war der Kriegsflieger Saint-Exupéry ein viel zu praktischer Mensch:

»Wenn ich hingegen meinen Leuten die Liebe zur Seefahrt vermittele und wenn dann ein jeder Lust darauf verspürt, weil ihn eine große Last im Herzen zum Meer zieht, so wirst du bald sehen, wie sie sich unterschiedlichste Beschäftigungen suchen, die ihren tausend besonderen Talenten entsprechen. Der eine wird Segel weben, der andere im Wald mit der blitzenden Axt einen Baum fällen. Wieder ein anderer wird Nägel schmieden, und natürlich wird es auch welche geben, die die Sterne beobachten, um das Navigieren zu lernen. Und doch werden alle eine Einheit bilden.

Um ein Schiff zu bauen genügt es eben nicht, die Segel zu hissen, die Nägel zu schmieden und die Sterne zu lesen; vielmehr muss man die eine, unteilbare Sehnsucht nach dem Meer wecken, und wo sie leuchtet, gibt es keine Gegensätze mehr, sondern Gemeinschaft in Liebe. Immer, wenn ich mitwirke, meinen Feinden mit offenen Armen entgegengehe, damit sie mich aufrichten, weiß ich, dass es eine Anhöhe gibt, von der mir der Kampf der Liebe gleicht.

Ein Boot zu bauen heißt eben nicht, jedes Detail zu planen. Denn wenn ich die Schiffspläne nur für mich konstruierte, wüsste ich wegen aller der Details nichts damit anzufangen, was der Mühe wert wäre. Doch alles verändert sich, wenn ich den Plan offenbare und andere können sich mit meinen Erfindungen befassen. Ich brauche überhaupt nicht jeden Nagel des Schiffs zu kennen. Ich muss nur den Menschen die Sehnsucht nach dem Meer beibringen.«

So kompliziert ist das.

Saint-Exupéry hat nicht nur einen anderen Duktus, auch inhaltlich will er etwas vollkommen Anderes als das, was die Motivationstrainer daraus gemacht haben.

Drum glaube keinem Motivationstrainer, was er bei anderen Motivationsgurus abgeschrieben hat. Und verschenke zu Weihnachten keine Ratgeber, in denen Antoine de Saint-Exupéry als kleiner Motivationsprinz verballhornt wird.

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