So viel Heimat, so viele Heimaten

Es amüsiert mich, wenn ich im Oktober 2017 kurz nach der Bundestagswahl lese, dass jetzt alle von Heimat reden – von der CSU über die CDU, die FDP bis hin zu den Grünen.
Ein Tabuwort mausert sich (schönes Wort; ob noch jemand weiß, was Mauser ist?).
Anfang 2015 schrieb ich noch in mein Tagebuch:
„Heimat. Zauberwort. Reizwort. Streitwort.
Meine Heimat: meine Geschichte. Teil meines Lebens.
Warum hat Heimat immer noch so einen schlechten Ruf?
Wegen der Heimatkitschfilme? Wegen der belasteten Vergangenheit?
Weil Heimat anachronistisch und altbacken klingt?
Das wandelt sich, wie sich so vieles wandelt, und ist auch höchst subjektiv.
Nähern wir uns der Heimat objektiv.
Heute werde ich in meiner alten Heimat reden. Es ist ein Heimspiel für mich.
Ich werde reden über ein Filmdrama – Honig im Kopf. Dieses Drama ist kein Heimatkitsch.
Es ist tragikomischer Film über Demenz, ein Schicksal, das mittlerweile viel zu viele alte Menschen trifft – und manchmal auch jüngere. Kaum ein Quartier in unserer Heimat, in der nicht ein Mensch gepflegt wird. Man blickt selten hinter die verschlossenen Haustüren. Till Schweiger hat die Türen geöffnet.
Honig im Kopf mit Dieter Hallervorden, Emma Schweiger, Till Schweiger ist ein sehr emotionaler Film über Alzheimer. Wir sehen Dieter Hallervorden in der Rolle seines Lebens, leider oft unfreiwillig komisch – etwa wenn er in den Kühlschrank pinkelt oder die Küche abfackelt.
Der Film ist berührend, bewegend – dank Emma Schweiger; sie spielt die Enkelin, die mit ihrem dementen Opa ausreißt und nach Venedig fährt. In ihrer kindlichen Naivität ist sie großartig.
Dieser Film lässt uns lachen und weinen, er ist betörend und verstörend. Filmisch ist dies ein Balanceakt: Was darf ich zeigen, was muss ich zeigen, um die Krankheit realistisch darzustellen? Und wie setze ich die Angehörigen ins Bild, ohne sie mit ihren Schocks, ihrer Verzweiflung, ihrer Wut bloßzustellen?
Dass ich gerade in meinem alten Heimatort Hüttigweiler über Honig im Kopf und die Alzheimer-Problematik rede, hat Gründe: weil der Caritasverband hier ein neues Tagespflegezentrum baut – für Menschen mit Demenz-Erkrankungen. Das Haus Lichtblick ist ein Lichtblick für uns alle. Und es entsteht dort, wo wir noch in den Kindergarten gingen. So schließt sich der Kreis.“
Übrigens schließt sich auch im Boccaccio der Kreis: Einst Disco, heute Gaby Stullgys‘ Pflegezentrum. Man sieht sich wieder im Tages-Café.
Heimat ist Natur, Heimat ist Behaglichkeit, Heimat ist Familiensinn, Heimat ist Ehrenamt, aber Heimat ist auch Drama, Heimat ist Enge, Heimat ist Leerstand, Heimat ist Alterung, Heimat ist Langeweile, Heimat ist Friedhofsruh’.
Es gibt nicht DIE Heimat. So viele Menschen, so viele Heimaten.
Heimat ubi bene est. Es kommt darauf an, was man daraus macht und mit wem.
Dann kann Heimat im Wortsinn Zauber-haft sein.
Im Heimat-Ort, in Heimat-Literatur, im Heimat-Film.

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