Volkstrauertag 2019

Rede von Bürgermeister Dr. Armin König bei der Gedenkveranstaltung in Illingen

Ich begrüße Sie zu dieser Gedenkfeier aus Anlass des Volkstrauertages. Beim Volkstrauertrag erinnern der VdK, die Gemeinde Illingen, der Heimat- und Kulturring und die Bürgerinnen und Bürger an die Opfer von Kriegen, Gewalt und Terrorakten. Ein besonderer Gruß und Dank gilt den Freunden des ACVG aus Stiring-Wendel, die jedes Jahr wie selbstverständlich an diesen Gedenkveranstaltungen teilnehmen – seit nunmehr 38 Jahren. Ich danke aber auch Freiwilligen Feuerwehr, dem THW, dem Blasorchester Illingen und den Reservisten. 

Wir erinnern an die Opfer des 1. und des 2. Weltkriegs, sowie an die Opfer von Terror und Gewalt, und dieser Gedenktag ist heute wie gestern aktuell.

Wir erleben eine Zeit der Umbrüche, der Krisen und Drohungen.

Das hätte nach dem Fall der Mauer niemand gedacht. Wir hofften auf Friedensdividende. Doch es ist anders gekommen. 

Umso wichtiger ist es, klar Position zu beziehen. Wir haben eine besondere Verantwortung in einer Zeit, in der Antisemitismus in erschreckendem Ausmaß in seiner hässlichen Fratze auftritt. Dabei müssten wir doch geläutert sein. 

Im Geleitwort der Bischöfe Bedform Strohm und Marx heißt es: „Im Jahr 1939 überfiel die deutsche Wehrmacht ohne Kriegserklärung Polen. Es begann der Zweite Weltkrieg, der sechs Jahre dauerte und rund 60 Millionen Menschen das Leben kostete. Ein Zehntel der Opfer waren Polen, die Hälfte von ihnen jüdischen Glaubens.

Polen war das erste Opfer der Ideologie vom „Lebensraum“: Der Staat wurde zerschlagen, seine Bevölkerung mit Vertreibung, Zwangsarbeit, Terror und Vernichtung überzogen. Von der nationalsozialistischen Ideologie ließen sich auch Christinnen und Christen vereinnahmen. Ebenso waren es aber Christinnen und Christen, die nach 1945 die Feindschaft zwischen Polen und Deutsch-land aufzubrechen wagten.“

Vor dieser Aufgabe stehen wir auch heute wieder. In einer Zeit, in der der Nationalrausch erstaunlich viele Anhänger gefunden hat, wollen wir versöhnen. Schön, dass Sie alle da sind und dazu beitragen.

Am diesjährigen Volktrauertag gedenken wir des Leides, das unsere Vorfahren über unsere Nachbarländer gebracht haben, insbesondere über Frankreich, Belgien, Luxemburg, Niederlande – und über Polen. Wir freuen uns aber auch über alle, die sich für die Versöhnung unserer Völker eingesetzt haben und sich weiter einsetzen. Nicht ohne Grund haben wir Partnergemeinden in Frankreich und in Polen. 

Deshalb grüße ich von dieser Stelle unsere Freunde aus Tuchow in Kleinpolen. Ich habe mit Bürgermeisterin Magdalena Marszalek vereinbart, dass wir unsere Kontakte intensivieren wollen, und ich bin mir darin auch mit Ortsvorsteher Wolfgang Scholl und mit Alfons Vogtel einig, einem der Pioniere der Partnerschaft. Wir sind davon überzeugt, dass wir tatsächlich etwas bewirken können bei dieser Art der Zusammenarbeit auf Bürgerebene. 

Wir gedenken der Toten der beiden Weltkriege ‑ der gefallenen Soldaten und der Millionen getöteter Zivilisten. Wir gedenken der Opfer von Vertreibung und Gefangenschaft. Wir gedenken der Toten des Widerstands gegen Diktatur und Unrechtsregime ‑ in unserem Land und in vielen anderen Staaten der Welt. Wir gedenken des unermesslichen Leids, das den Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik widerfuhr. Wir Deutschen stehen zu unserer daraus erwachsenen besonderen, immerwährenden historischen Verantwortung. Wir gedenken der Opfer des Kalten Krieges und der Teilung unseres Landes und ganz Europas. Die Opfer des Terrorismus schließen wir ebenfalls in unser Gedenken ein.
Erinnern bedeutet, aus der Vergangenheit Lehren für die Gegenwart und die Zukunft zu ziehen. Es wird sicherlich schwieriger, dieses Europa angesichts der neuen Egoismen zusammenzuhalten. 

Aber genau dieses Europa, in dem wir friedlich leben, dieses Europa der Freizügigkeit, dieses Europa der Freiheit, dieses Europa der Jugend, dieses Europa der Kultur, dieses Europa der gemeinsamen Naturräume, das für uns so selbstverständlich geworden ist, ist aller Anstrengungen wert. 

Dabei müssen wir auch selbst Farbe bekennen. Ich bekenne mich dazu. Jede Annäherung an die Nationalradikalen der AfD ist und bleibt tabu. Mit Antisemiten und Rassisten und Extremisten kann es keine Gemeinsamkeiten geben. 

Max Frisch hat das Drama Biedermann und die Brandstifter geschrieben. Es waren die Biedermänner, die den Brandstiftern der Nazis erst das Haus und dann die Streichhölzer überlassen haben. Dass die Höckes und Gaulands und Weidels die geistigen Brandstifter unserer Zeit sind, erleben wir jede Woche im Bundestag und in den Sozialen Medien. 

Deshalb: Klare Linie, klare Strategie. Das ist der einzige Weg, der gangbar ist. Dazu möchte ich Sie aufrufen. Klar Position zu beziehen. Immer wieder. Auch auf Facebook. Man muss die Tabubrecher beim Namen nennen.

Wir haben eine Welt zu verteidigen. Demokratie ist manchmal kompliziert. Demokratie ist manchmal fehlerhaft. Aber es ist das Beste, was wir weltweit kriegen können.
Einer der größten deutschen Bundespräsidenten, Richard Weizsäcker, hat eine bewegende Rede zum Tag der deutschen Kapitulation am 8. Mai gehalten. Seine große Rede ist auch heute noch Verpflichtung für uns. Sie endet mit den Worten:
„Es gibt keine endgültig errungene moralische Vollkommenheit – für niemanden und kein Land! Wir haben als Menschen gelernt, wir bleiben als Menschen gefährdet. Aber wir haben die Kraft, Gefährdungen immer von neuem zu überwinden.
Hitler hat stets damit gearbeitet, Vorurteile, Feindschaften und Hass zu schüren.
Die Bitte an die jungen Menschen lautet:
Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen,
gegen Russen oder Amerikaner,
gegen Juden oder Türken,
gegen Alternative oder Konservative,
gegen Schwarz oder Weiß.
Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.
Lassen Sie auch uns als demokratisch gewählte Politiker dies immer wieder beherzigen und ein Beispiel geben.
Ehren wir die Freiheit.
Arbeiten wir für den Frieden.
Halten wir uns an das Recht.
Dienen wir unseren inneren Maßstäben der Gerechtigkeit.
Schauen wir am heutigen Tag, so gut wir es können, der Wahrheit ins Auge.“

Das ist Aufgabe jedes Einzelnen.
Vor allem sind wir es unserem Kindern und Enkelkindern schuldig.
Wir haben die Welt nur von ihnen nur geliehen.
Sie sollen in Frieden und Freiheit leben und sich so wie wir selbst verwirklichen können. Jeder kann dazu beitragen. Darum bitte ich Sie.

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