Jahresrückblick
Schwere Schlappe: Die so genannten „Familienunternehmer“ und ihre Öffnung gegenüber AfD-Politikern
Original-Post am 25.11.2025:
Familienunternehmer? Nein: dreckig handelnde Konzerne
Die dreckigen Aussagen des Verbands „Die Familienunternehmer“ (AfD-Normalisierung) zwingen zu einer Klarstellung: es handelt sich nicht um wertegebundene „Familienunternehmer“, sondern um dreckig handelnde Konzerne mit gigantischen Umsätzen. Die bekämpfen Sozialstaat, Klimaschutz, Flächentarifverträge. Ein Verband der Radikalkapitalisten. Einfach dreckig. Ich sag jetzt nicht Lobby-Bagage…
25. November 2025
Wie es dazu kam und was dann folgte
Im Herbst 2025 ist innerhalb der deutschen Wirtschaftsverbände eine offene und konfliktreiche Debatte über den Umgang mit der rechtsradikalen und in Teilen rechtsextremen AfD ausgebrochen. Auslöser war ein Kurswechsel des Verbands „Die Familienunternehmer“, der seine bislang praktizierte sogenannte „Brandmauer-Strategie“ – verstanden als vollständige institutionelle Distanz und Kontaktvermeidung gegenüber der AfD – öffentlich in Frage stellte und teilweise aufhob. Die Entwicklung führte innerhalb weniger Tage zu Reaktionen von Unternehmen, Banken, Gewerkschaften, anderen Wirtschaftsverbänden sowie politischen Parteien – und mündete schließlich in einem teilweisen Rückzug des Verbands von seiner eigenen Entscheidung.
Ausgangspunkt: Abkehr von der vollständigen Isolation
Der Lobbyverband „Die Familienunternehmer“, der nach eigenen Angaben rund 6.500 Mitglieder zählt und allem von kapitalkräftigen Konzerne getragen wird, erklärte im November 2025, sein bisheriges „Kontaktverbot“ gegenüber AfD-Bundestagsabgeordneten aufzugeben. Verbandspräsidentin Marie-Christine Ostermann begründete diesen forschen und höchst umstrittenen Vorstoß im „Handelsblatt“ mit einer Neubewertung der Funktion der Brandmauer.
Es gibt Manager, die eine Minderheitsregierung mit AfD-Duldung durchaus gutheißen würden
Nicht debattiert wurde, dass es in diesem Verband eine ganze Reihe weniger bekannter rechtsgerichteter Manager gibt, die eine „konservative Agenda“ in Deutschland wollen und ein Problem damit haben, dass die CDU/CSU mit der SPD koaliert. Es gibt offenkundige Bestrebungen von Thinktanks und Lobbyisten, der Union eine „Minderheitsregierung“ einzureden, um gegebenenfalls mit punktueller Duldung durch die AfD eine wirtschaftsfreundlichere Politik zu erzwingen. Davor wird aber seit langem gewarnt, übrigens auch von der CSU, die die AfD zum neuen Hauptfeind erklärt hat. Und das hat Gründe. In diesem Punkt ist die CSU seit langem klarer und konsequenter als die immer wieder schwankende CDU.
In Verkennung der öffentlichen Reaktionen produzierte die wirtschaftsliberale Präsidentin Ostermann Verbands gezielt Schlagzeilen mit ihrer „Öffnungsstrategie“. Der Schuss ging aber nach hinten los.
Marie-Christine Ostermann hatte behauptet, die bisherige Abschottungs- und Brandmauerstrategie gegenüber der AfD sei gescheitert. Das hing aber auch damit zusammen, dass der Verband bereits vor der Ankündigung Ostermanns erstmals die AfD zu einem parlamentarischen Abend eingeladen hatte. Der rechtsradikale AfD-Abgeordnete hatte anschließend süffisant in Sozialen Medien über die Einladung und den Abend berichtet. Für die AfD war dies ein weiterer Erfolg in ihrer angestrebten „Normalisierungsstrategie“.
Nachdem dies alles bekannt wurde, gerieten Ostermann, eine ehemalige FDP-Politikerin, und ihre Vorstand mächtig unter Druck.
Prominete Austritte
Kurz darauf folgten Austritte prominenter Mitgliedsunternehmen aus dem Verband: Die Drogeriekette Rossmann sowie der Hausgerätehersteller Vorwerk erklärten öffentlich ihren Rückzug. Beide Unternehmen begründeten diesen Schritt mit einer klaren Ablehnung jeder Relativierung der demokratischen Abgrenzung nach rechts. Unternehmenspositionierungen müssten eindeutig auf demokratischen Grundwerten basieren, hieß es. Die Deutsche Bank kündigte einen Vertrag über eine künftige Verbandsveranstaltung in den Räumen des Instituts.
Die Stiftung Familienunternehmen nicht zu verwechseln mit dem Verband Die Familienunternehmen, erklärte, Vertreter der AfD weiterhin nicht zu Veranstaltungen einzuladen, da deren Wertebasis nicht mit dem Leitbild von Familienunternehmen vereinbar sei. Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hatte bereits zuvor wiederholt vor den wirtschaftlichen Folgen einer AfD-Politik gewarnt. BDI-Präsident Peter Leibinger bezeichnete das AfD-Wahlprogramm als „katastrophal für die deutsche Wirtschaft“.
Besonders scharf fiel die Reaktion der Gewerkschaften aus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) und die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di erinnerten an historische Parallelen zum Ende der Weimarer Republik. Gewerkschaftschef Frank Werneke sprach von der Gefahr eines „Abdriftens nach rechts“ und forderte eine klare Distanzierung von rechtsextremen Positionen. Unternehmerfamilien, so der Tenor, trügen angesichts der Geschichte deutscher Unternehmen im Nationalsozialismus eine besondere Verantwortung.
Nach anhaltender Kritik, öffentlichen Austritten und wachsendem Reputationsschaden vollzog der Verband Die Familienunternehmer Anfang Dezember 2025 einen Kurswechsel. Präsidentin Ostermann erklärte, die Einladung von AfD-Abgeordneten habe sich als Fehler erwiesen. Öffentlich sei der Eindruck entstanden, der Verband wolle die AfD normalisieren oder stärken – genau das Gegenteil dessen, was beabsichtigt gewesen sei.
Der Verband distanzierte sich ausdrücklich von Extremisten und kündigte an, den Umgang mit der AfD in den kommenden Monaten gemeinsam mit den Mitgliedern neu zu diskutieren. Ziel sei es, andere Formen der kritischen Auseinandersetzung zu finden, die die eigenen marktwirtschaftlichen und demokratischen Grundüberzeugungen klar sichtbar machten, ohne missverstanden zu werden.
Der Konflikt um den Verband der Familienunternehmer zeigt, dass jede Lockerung der Brandmauer nicht nur politische, sondern auch erhebliche reputative, wirtschaftliche und normative Folgen haben kann. Zugleich offenbart er die Unsicherheit vieler Akteure darüber, wie Demokratie, Interessenvertretung und politische Verantwortung unter Bedingungen wachsender Polarisierung miteinander zu verbinden sind.
Nach wie vor sind Lobbyverbände wie die sogenannten Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft unter ihrem konservativen „Einpeitscher“ Thorsten Alsleben sowie der Bundesverband Mittelständische Wirtschaft (BVMW) unter dem Unions-Lobbyisten Christoph Ahlhaus sowie der Thinktank R21 unter der sehr rechtskonservativen Ex-Ministerin Kristian Schröder auf dem Trip, die Brandmauer aufzukündigen und die Nähe zu AfD zu suchen, um eine konservativere und wirtschaftsfreundlichere Politik durchzusetzen. Eine besondere Rolle spielt auch die saarländische „Union Stiftung“ unter Michael Scholl, die immer wieder ausgewiesene Nationalisten, Klimaleugner und Orbán-Unterstützer einlädt.
Der Konflikt um den Verband der Familienunternehmer zeigt, dass jede Lockerung der Brandmauer nicht nur politische, sondern auch erhebliche reputative, wirtschaftliche und normative Folgen haben kann. Zugleich offenbart er die Unsicherheit vieler Akteure darüber, wie Demokratie, Interessenvertretung und politische Verantwortung unter Bedingungen wachsender Polarisierung miteinander zu verbinden sind.
Armin König