Auch wenn Narben bleiben – ein bewegender Dokufilm beim Ophüls-Festival

Armin König

Ein jeder hat seine Film-Vorlieben, und so sind auch meine ganz subjektiv. Mein Favorit unter den Dokumentarfilmen ist »Despite the Scars – auch wenn Narben bleiben« von Felix Rier. Story, Umsetzung und Hauptdarstellerin Thea Malfertheiner überzeugen.
Das Thema ist schwierig, und es ist mutig und ästhetisch stark umgesetzt; da ist nichts Sensationsheischendes. Das Gegenteil ist der Fall: Ruhig und berührend erzählt Rier seine und Theas Geschichte. Das macht den Doku-Film so überzeugend. Dabei steht am Beginn Theas Satz: »I don’t even know, if I should tell you all this or not«. Ich weiß auch gar nicht, ob ich dir das alles jetzt erzählen soll oder nicht. But I’ll just do it because…« – aber ich mach’s einfach, weil….“
Protagonistin Thea Malfertheiner war vor sechs Jahren Opfer einer Entführung und einer brutalen Gruppenvergewaltigung. Die junge Tänzerin sucht seit 2019 einen Weg, um die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen, »auch wenn Narben bleiben«.
„I felt so much that I stopped feeling anything because I saw myself dying. But I speak openly about it because we should not stay silent about things that matter. (Tagebucheintrag von Thea, 23.05.2020) „Ich habe viel gefühlt, dass ich aufhörte, irgendetwas zu fühlen: denn ich habe mich sterben sehen. Aber ich spreche offen darüber, weil wir nicht schweigen dürfen über die Dinge, die wirklich wichtig sind“.
Und sie sagt es dann auch: „ich wurde einfach so hart vergewaltigt, ich wurde vergewaltigt…“
Filmemacher Felix Rier hat sie seit 2020 dokumentarisch begleitet. Er kennt Thea seit seiner Kindheit und hat in diesen Jahren tiefe Einblicke in diesen Kampf gewonnen und dies sensibel umgesetzt – zusammen mit seiner Protagonistin.
Schon die Anfangsszenen, als sprachlose choreographische Spots von der Tänzerin inszeniert, führen mitten ins Geschehen. Eine junge Frau, die wie hingeworfen über den Steinboden vor einer riesigen Treppe rutscht und liegenbleibt.
In ihren Choreografien stell sich Thea Schritt für Schritt ihrem Schmerz. Se lässt sich auf eine neue Beziehung ein. Bei ihrem Partner Thiago und durch die bedingungslose Liebe ihres Hundes Mandinga findet sie Sicherheit, die ihr hilft, ihre zerstörte Welt wieder aus Bruchstücken zusammenzusetzen. Das braucht Zeit, und diese Zeit nimmt sich die Regie. Als ihr Sohn geboren wird, entdeckt Thea die Freude am Muttersein („Ich bin einfach megaglücklich“), doch die eigentliche Frage lautet: Ist Heilung jemals möglich?
Kameramann Felix hat Thea zu Tanzkursen und ins Fitnessstudio begleitet, wo sie das Trauma zu bewältigen versucht, ebenso wie zu Sitzungen bei einem Psychotherapeuten oder zum Prozess gegen die Vergewaltiger.
Dass dies für beide eine Herausforderung war (Thea war Felix’s erste Liebe), hat der Südtiroler in einem Interview so erläutert:
„Es gab Tage, an denen wir ganz bewusst gesagt haben: Heute drehen wir nicht, heute sind wir einfach nur da. Dieser Film existiert nur, weil Thea ihre Geschichte erzählen wollte, und meine Aufgabe war es, diesen Raum mit größter Sorgfalt zu bewahren.
Gleichzeitig war da aber auch eine komplexe Verantwortung – gegenüber Thea, aber auch gegenüber einem zukünftigen Publikum. Ich wusste, dass ich mit ihrer Geschichte etwas sehr Intimes festhalte, und gleichzeitig wollte ich sie nie instrumentalisieren oder emotional überformen.“
Das Ergebnis ist sehr beeindruckend und bewegend.
Die Kernsätze lauten: „Wie filmt man Schmerz, ohne ihn auszubeuten? Wie zeigt man Nähe, ohne aufdringlich zu werden?“ (Felix Rier)
Regie und Kamera: Felix Rier
Produktionsland Italien – Helios Sustainable Films 2025.
72 Minuten.
Deutsche Erstaufführung beim Ophüls Festival.
(Quellen: Begleitheft FFMOP, Verena Spechtenhaus: Franzmagazine – Contemporary Culture in the Alps 2025; Walter Gaspary: Der lange Weg aus dem Trauma; film-netz.com)