Es ist ein spektakulärer Coming-if-Age-Roman, eine dystopische Klimawandel-Erzählung, ein Abrechnung mit der Social-Media-Selbstdarstellungs-Manie, eine Liebesgeschichte, ein Buch zur Zeit, obwohl es bereits 2025 erschienen ist und im letzten Jahr auf der Shortlist zum DeutschenBuchpreis stand. Aber jetzt, nach den verheerenden Waldbränden in Spanien, Frankreich, Griechenland, Belgien und auch hier in meiner saarländischen Gemeinde ist es top-aktuell geworden.
Der Titel klingt anarchistisch-revolutionär. Aber das Buch von Fiona Sironic ist ganz anders, als viele vielleicht erwarten, und eigentlich hätte ich diesem mutigen, inkonventionellen, zeitgeschichtlich bedeutsamen Buch den Deutschen Buchpreis gewünscht.
Wir erleben brenende Wälder, Hitze, stöhnende menschen, eine Zivilisation, in der immer mehr Lebewesen von der Erde verschwinden. Das ist schwere Kost, aber unbedingt lesenswert.
»Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft«.
Es ist ein furioser, zärtlicher und wütender Gegenwartsroman. Fiona Sironics Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft erzählt vom Erwachsenwerden in einer Welt, deren ökologische, digitale und intime Grundlagen zugleich brüchig werden.
Der Titel klingt anarchistisch und revolutionär. Doch Sironics Roman ist komplexer als eine Geschichte jugendlicher Rebellion. Er verbindet Coming-of-Age, Klimakatastrophe, digitale Öffentlichkeit und Liebesgeschichte zu einem Text von großer Eigenständigkeit.
Die fünfzehnjährige Era lebt mit ihrer Mutter am Waldrand. Sie beobachtet das Verschwinden der Vögel, schreibt Notizbücher voll, zeichnet, sammelt Wissen. Während die Welt heißer wird und brennt, versucht sie, wenigstens ihre Spuren festzuhalten. Maja, die Tochter zweier Momfluencerinnen, reagiert anders: Gemeinsam mit ihrer Schwester Merle sprengt sie Festplatten auf einer Lichtung. Sie will die Bilder und Daten einer Kindheit vernichten, die längst anderen gehört.
Darin liegt eine der stärksten Ideen dieses Romans. Die Zerstörung des Waldes und die digitale Preisgabe des Privaten sind keine getrennten Themen. Beides handelt von Verlust: von Lebensräumen, Rückzugsmöglichkeiten, Erinnerungen und dem Recht, nicht dauernd sichtbar und verwertbar zu sein.
Era und Maja verbindet ihre Suche nach Nähe und nach etwas, das nicht als Content endet. Ihre Liebesgeschichte steht unter dem Zeichen der bedrohten Natur, ohne zur bloßen Metapher zu werden. Während die Turteltaube ausstirbt und ein Waldbrand den vertrauten Ort der Mädchen vernichtet, entsteht zwischen ihnen eine vorsichtige, intensive Beziehung.
Sironic findet für diese Welt eine Sprache, die schnell, genau und überraschend komisch ist. Sie kann poetisch werden, ohne ins Gefällige zu kippen; sie beschreibt digitale und ökologische Zumutungen. Ein Thesenroman ist es trotzdem nicht. Der Roman hat Tempo und viel Sinn für Details: für Körper, Hitze, Rauch, Bilder, Geräusche und die seltsame Gewalt des Internets.
Auch der Aufbau überzeugt. Die Brüche, Perspektivwechsel und Verdichtungen folgen einer Gegenwart, die nicht mehr linear erlebt wird. Streams, Notizen, Katastrophennachrichten, familiäre Konflikte und Liebesgeschichte laufen ineinander. Daraus entsteht kein formales Chaos, sondern ein präzises Bild einer Jugend, die gleichzeitig zu viel weiß und zu wenig verändern kann.
Am Samstag gehen die Mädchen in den Wald und jagen Sachen in die Luft ist einer der bemerkenswertesten Romane dieses Buchpreisjahrgangs. Fiona Sironic schreibt über Klima, digitale Ausbeutung und Jugend nicht von außen, sondern mit großer sprachlicher Energie und erzählerischer Konsequenz. Ein mutiges, gegenwärtiges und unbedingt lesenswertes Buch.
Einfach klasse.
Armin König
