Der unsichtbare Roman« von Christoph Poschenrieder ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur über Literatur

Eine Rezension von Armin König

»Sei Politiker oder Schriftsteller. Oder sei Goethe, wenn du kannst. Dafür reicht es bei den allerwenigsten.« Der Schriftsteller Gustav Meyrink aber soll beides miteinander verbinden. Er hat ein empörendes Angebot bekommen – im Auftrag des Auswärtigen Amts, das dringend einen Sündenbock für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs braucht.

»Das Auswärtige Amt der Reichsregierung hat die Absicht, Ihnen die Ausarbeitung eines Romans anzutragen, welcher dem Zweck dienen soll, einer größeren Öffentlichkeit über die Ursachen des Kriegsausbruchs 1914 die Augen zu öffnen, indem er die Drahtzieher aus dem trüben Dunkel ihrer Hinterzimmer herausscheucht und ins grelle Rampenlicht stellt.«
Der nicht mehr ganz so erfolgreiche Ex-Erfolgsautor soll den Freimaurern per Roman die Verantwortung zuschieben. Dabei wissen wir doch, dass das Attentat von Sarajewo 1914 und die Kriegstreiberei des Deutschen Reichs entscheidend für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren. Aber es geht ja gerade nicht um die Wahrheit, sondern um die fiktiv gesteuerte Zuschreibung von Schuld.
Meyrink hält sich für völlig ungeeignet. Keine Politische Richtung, wenn er in einer Partei wäre, dann bestenfalls in einer noch zu gründenden Unabhängigen Egoisten-Partei. An den Dingen, »die eine Nation mit Stolz erfüllen«, hat er kein Interesse, von den Ikonen des Patriotismus will er nicht den Hut ziehen. »Gäbe man ihm eine Fahne in die Hand – er schwenkte sie nicht, täte ihr womöglich Dinge an, die ihn ins Gefängnis brächten.« Und doch sagt er nicht nein, denn der Verleger hat immer ordentlich gezahlt, und Meyrink braucht das Geld.

Kriegsjubler

»Es zwickt und beißt« in Meyrinks Portemonnaie. »Das Haushaltsbuch ist das einzige Buch, das er in letzter Zeit regelmäßig anfasst, um mit dem Bleistift (als gäbe es etwas zu radieren) das Desaster seiner finanziellen Lage zu protokollieren. Das ist peinigend und reinigend«. Sein Wohnen am Starnberger See ist Fassade. Zwar hat er ein Vermögen mit dem Roman »Der Golem« gemacht, aber das schnöde Leben kostet. Zuviel natürlich. Dass ihm die Zuwendungen in Zeiten des Krieges teilweise entzogen werden, hängt eben auch mit fehlendem Patriotismus zu tun. Und die Kriegsjubler und Hurrapatrioten (»Teutobolde«} haben ihn längst auf dem Kieker, ihn als »völkischen Schädling« gebrandmarkt. Aber er lebt noch, und er genießt noch, soweit dies angesichts seiner Finanzlage noch möglich ist.
Das ist die Prämisse des Buchs von Christoph Poschenrieder »Der unsichtbare Roman«.

Biografisch passt das Setting.

Meyrink, 1868 in Wien als unehelicher Sohn eines adligen Staatsministers und der Hofschauspielerin Marie Meyer geboren, war unkonventionell, ein soignierter Bohemien und Eigenbrötler mit einem Hang zum Okkulten und Spirituellen, das er allerdings geradezu empirisch erprobte. Er war ein Mensch, der seine wahre Bestimmung immer wieder suchte, auch bei Freimaurern und Illuminaten, und der dabei nicht nur seinen Namen von Meyer zu Meyrink wechselte, sondern auch diverse Selbsterfahrungstrips flog.

Sein erster Roman »Der Golem«, ein phantastisches Werk in der Tradition E.T.A. Hoffmanns, war auch gleich das Hauptwerk des Abenteurers.
Dass das Auswärtige Amt Meyrink tatsächlich damit beauftragte, einen Propagandaroman zu schreiben, gilt als belegt. Poschenrieder startet genau an diesem Punkt, lässt Meyrinks Geliebte intervenieren, weil dieser seine Reputation aufs Spiel setzt (»Damit schreibst du dich selbst in Grund und Boden, fürchte ich«), aber schließlich soll der Autor, der auf dem absteigenden Ast sitzt, seinen Schundroman eben schreiben. »Des Geldes wegen«. (45)
Ein Pseudonym wäre vielleicht nicht schlecht, aber das wollen die Auftraggeber ja nicht, wie Mena anmerkt: »Gustl, verstehst du es noch immer nicht? Sie haben dich wegen deines Namens erwählt. Du sollst der Kronzeuge sein. Weniger das, was gesagt wird, ist wichtig, sondern, wer es sagt« (44).

Und dieser »Gustav Meyer, der stadtbekante Bankier, Okkultist und Rennruderer« (45), der gern »an der Lenkkurbel« des kleinen Benz-Motorwagens sitzt und der Geld braucht, nachdem er zwölf Jahre finanzieller Miseren, Ehrenhändel, Gerichtsverfahren inklusive Untersuchungshaft, öffentlicher Erniedrigungen, schwerer Krankheiten« samt einer Trennung von seiner Frau Hedwig erlebt und erlitten hatte und der nach seinen Bestsellererfolgen nicht mehr auf das bisschen Luxus und Anerkennung verzichten will, lässt sich tatsächlich korrumpieren, wenn auch nicht so richtig.
Poschenrieder ist ein gewiefter Erzähler.

Poschenrieder schreibt süffig – er ist ein gewiefter Erzähler

Er schreibt süffig, streut Recherchenotizen ein und objektiviert damit seinen fiktiven Schlüsselroman. Poschenrieder zitiert Notizen aus Kurt Eisners Gefängnistagebuch, aktualisiert sie sozialkritisch-politisch, lässt Eisner den Satz »ich werde die Freiheit erleben!« niederschreiben, zitiert aus den »Meyrinkiana der Bayerischen Staatsbibliothek München, Handschriftenabteilung«, gibt dem Telegramm des Auswärtigen Amtes (Nachrichtenabteilung) an Meyrink zum »Freimaurerroman« den seriösen Anstrich, bevor die Story beginnen kann.
Es wird für Meyrink dann aber doch viel schwerer als erwartet. Vorschuss schützt nicht vor Schreibblockade.
Aber erst muss er nach Berlin fahren – erster Klasse mit dem Zug, versteht sich. Wo er einem pathetisch selbstgefälligen Offizier die Meinung geigt (»Diese bornierten Kerle, deren Haltung nicht von Rückgrat, sondern bestenfalls von einem gestärkten Uniformhemd herrührt«).

Poschenrieder lässt zunächst Kurt Hahn auftreten, der im Auswärtigen Amt angeblich als englischer Lektor die britische Presse analysiert und seine Erkenntnisse in Memoranden für die politische Elite aufbereitet. Er hat viel studiert, so die Beschreibung, vor allem aber die korrekte Zubereitung von Tee. Kurt Hahn also, der übrigens 1920 mit Max von Baden das Internat Schloss Salem gründete, wie wir einer weiteren Recherchenotiz Poschenrieders entnehmen, wird der Kontaktmann Meyrinks. »Miese Zeiten, um anglophil zu sein, mein lieber Herr Meyrink, meinen Sie nicht auch?«, meint Teezeremonienmeister und Nachrichtenspezi Hahn, was uns in Zeiten des Brexits dann doch ein Lächeln entlockt.

So verbindet Autor Poschenrieder geschickt die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts mit dem 21. Jahrhundert.
Und wie heute galt schon damals: »Worte sind heute Schlachten. Richtige Worte gewonnene Schlachten, falsche Worte verlorene Schlachten.«
Es geht tatsächlich um Meyrink als Kronzeugen und Satiriker:

»Sie sind ein ahnungsvoller Schriftsteller. Sie sehen Dinge, die andere nicht sehen. Und Sie machen keine Gefangenen, Sie haben alle beleidigt: Professoren, Offiziere, Beamt, Adel, deutsche Frauen“ – und schließlich »Ärzte, Diplomaten, Polizisten, Schriftstellerkollegen sowie Sachsen und Österreicher.« (64)

Wenn das mal kein guter Kronzeuge ist. Wenn er über die Kriegsschuld schreibt, so hat sich das Auswärtige Amt das ausgedacht, dann werde niemand annehmen, er sei das Sprachrohr dieser oder jener Partei. Und natürlich hat sich das Auswärtige Amt die Schuldigen aus bösartigen Gründen ausgesucht, auch wenn sie mit der Schuldfrage so viel zu tun haben »wie der Sonnenaufgang«, also nichts. Aber wenn der Krieg vorbei ist, werde abgerechnet. Da sei es gut, Schuldige zu haben. Warum die Freimaurer? »Keiner traut ihnen, und jeder traut ihnen alles zu«, meint Hahn, um eine noch bösartigere Pointe hinzuzufügen: »Nicht alle Juden sind Freimaurer, aber viele Freimaurer sind Juden.« Natürlich protestiert Meyrink. Bis Hahn wissen lässt, er sei selbst Jude und stehe unter dem Schutz von Prinz Max von Baden, der vielleicht der nächste Reichskanzler werde (»ich arbeite daran, aber ich bitte Sie, dies für sich zu behalten«).

Kaum haben wir uns darauf eingelassen, stellt Poschenrieder in einer neuen Recherchenotiz aus dem Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde an seine Verlagslektorin klar, dass Kurt Hahn wohl der falsche Hahn war und dass der richtige Hahn ein Karrierediplomat namens Bernhard von Hahn war, der später Konsul in Rotterdam und Amsterdam wurde.

Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman

So kommt also die Meta-Ebene ins Vexier-Spiel: Ein Roman ist ein Roman ist ein Roman, der erst geschrieben werden muss.
Genau davor drückt sich Meyrink trotz des Vorschusses und der bequemen Rahmenbedingungen in einer wilden Zeit.
Poschenrieder treibt den literarischen Spaß um Literatur in der Literatur auf die Spitze. Die Pointe ist genial.
Geheimdienstler Bernhard von Hahn ist der Vertreter des »Literarischen Büros« und stellt fest: »Wir machen hier Propaganda. Beeinflussung von Freund und Feind. Das ist nicht die feine Dichtkunst. Da muss sich auch nichts reimen. Es geht nicht um Stil. Es geht um Wirkung. Nur um Wirkung. Vor allem um die Breitenwirkung. Und Sie haben bereits breit gewirkt. Aus diesem Grund sind Sie für uns interessant. Weil Sie eine Berühmtheit sind.«
Meyrink soll also auf seine Weise zu einem Informellen Mitarbeiter werden – indem er einen gefakten Roman schreibt, wo doch Fiktion in gewissem Sinne immer Fake ist: jedes Ich, das sich ausspricht, ist eine Rolle, hat Max Frisch geschrieben.
Hier heißt die Devise »Romane statt Kanonen. Pointen statt Granaten«.

Das Honorar ist üppig. Also nimmt Meyrink, der esoterische Yogi und unpatriotische Autor, den Vorschuss an. Und doch lässt er sich nicht wirklich korrumpieren.
Das ist ja der Witz an der Geschichte.
Poschenrieder macht das souverän.
Das ist moderne Literatur par excellence.
Mit Blick auf die Freimaurer kann sich Poschenrieder eine köstliche Pointe nicht entgehen lassen; die ist so genial, dass man sich wundert, dass sie bisher kaum berichtet wurde:
Meyrink fragt, ob er nicht aus Gründen der künstlerischen Freiheit lieber die Illuminaten als die Freimaurer belasten könnte.
Daraufhin lässt Poschenrieder seinen Führungsoffizier von Hahn sagen:
»Illuminaten? Kennt doch kein Mensch. Ein Buch über eine Verschwörung von Illuminaten kann ich mir im Leben nicht vorstellen. Wer will das lesen?«
Zwei Jahrzehnte nach Dan Browns Welterfolg »Illuminati« gönnt sich Poschenrieder ein brillantes Schelmenstück.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.
Natürlich vertröstet Meyrink seine Auftraggeber immer wieder, wie es jeder Literat mit Schreibkrise tut. Natürlich lenkt er sich ab mit allerlei Nebensächlichkeiten und weltlichen Vergnügen, statt heilige Literatur zu schreiben.
Und als sich Meyrink dann tatsächlich an die Schreibmaschine setzt, um seine Fiktion niederzuschreiben, bleibt diese aus Gründen, die die heutige Generation nicht mehr versteht, schlicht unsichtbar. Aber wir wollen nicht spoilern, nur soviel:
»Die Wahrheit ist zu kostbar, um sie Priestern, Politikern und der Presse zu überlassen.«
Es Paul-Austert bei Poschenrieder, eine Spur Kehlmann ist auch dabei.
Das ist ernsthafter, als es auf den ersten Blick scheint:
»Der unsichtbare Roman« ist ein faszinierendes kleines Meisterwerk über das Schreiben von Romanen und den ewigen Kampf des Schriftstellers mit dem leeren Blatt und der Wahrheit.
Der ganze »Unsichtbare Roman« ist ein brillantes Schelmenstück von Literatur und über Literatur.