Es war eine Fehlleistung der Saarbrücker Zeitung kurz vor der Wahl: Politikwissenschaftlich und journalistisch fragwürdig, im Ergebnis eindeutig falsch war der Bericht „Statistiker ermitteln Siegchancen – welche Kandidaten im Saarland hoffen dürfen“ am 11. Februar 2025. Geschrieben hat ihn Rüdiger Fröhlich, benannt als „Seitenmanager und Online-Redakteur“.
Jetzt, da das Ergebnis vorliegt, kann ich nur sagen: Das war unseriös. Die Methodik ist intransparent. In der Beschreibung ist zu lesen, dass bei der letzten Wahl in der Kategorie 3 (Vorsprung) eine Trefferquote von nur 66 % erreicht wurde. Auch bleibt unklar, was eine „personenbezogene Wahlhistorie“ ist. Ich habe nichts dazu gefunden.
Man kann auch sagen, da Prognosen immer auf Wahlergebnisse einwirken: Wer in solchen Prognosen die Kategorie „sicher“ einführt, betreibt Meinungsverfälschung. Das ist empirisch nicht valide.
Am 11. Februar 2025 lasen wir voller Erstaunen:
„Die Deutschland-Karte mit den 299 Wahlkreisen wirkt zunächst so, als ob ganz Westdeutschland schwarz gekennzeichnet wurde und ganz Ostdeutschland in Blau erscheint. Allerdings gibt es auch 34 rote Wahlkreise, bei denen laut Daten des Wahlforschungsinstituts Election die SPD auf ein Direktmandat hoffen darf, sowie elf grüne und zwei pinke Wahlkreise, bei denen die Grünen und die Linke bei den Direktkandidaten vorn liegen. Im Saarland sind alle vier Wahlkreise in Schwarz markiert worden. Das Wahlforschungsinstitut hat dabei für die Boulevardzeitung „Bild“ die Gewinnwahrscheinlichkeiten für alle Wahlkreise ermittelt.“
Das war Kaffeesatzleserei.
Wie kann man so einen BILD-Trash nachdrucken?
Rüdiger Fröhlich schreibt am 11.2. 2025:
„Im Saarland gibt es vier Wahlkreise, die teils Kommunen aus mehreren Landkreisen umfassen. Im Wahlkreis 296 Saarbrücken liegt laut den Angaben CDU-Kandidatin Yvonne Brück mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von 75 Prozent vorne. Gewinnchancen hätten aber auch Josephine Ortleb (SPD / 25 Prozent Gewinnchance) und AfD-Kandidat Boris Gamanov (ein Prozent Gewinnchance). Laut der Prognose geht auch der Wahlkreis 297 Saarlouis an die CDU (Philip Hoffmann, Gewinnwahrscheinlichkeit von 89 Prozent). David Maaß von der SPD habe eine Gewinnchance von elf Prozent.
In der Prognose für den Wahlkreis St. Wendel liege CDU-Kandidat Roland Theis mit einer Gewinnwahrscheinlichkeit von 99 Prozent vorne. SPD-Kandidat Christian Petry habe ein Prozent Gewinnchance. Auch der Wahlkreis 299 Homburg geht laut dem Wahlforschungsinstitut wohl an die CDU: Markus Uhl habe eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 77 Prozent. Es folgen Esra Limbacher von der SPD mit einer Gewinnchance von 17 Prozent und AfD-Kandidat Olexij Shvydkyi mit einer Gewinnchance von fünf Prozent.“
Hat Yvonne Brück gewonnen? Nein. Sie hat hoch verloren gegen Fine Ortleb.
Hat Markus Uhl gewonnen? Nein, er hat verloren gegen Esra Limbacher. Auch hier war das Ergebnis eindeutig.
Hat Roland Theis mit 99:1 gegen Christian Petry gewonnen? Nein, es war dann doch viel enger.
Das war alles daneben.
Ich habe am Tag des Erscheinens mit Politikern telefoniert, die verärgert waren über diese Art der „Vorberichterstattung“. Ich nenne das manipulativ. Die Manipulationsabsicht werfe ich nicht einmal der Saarbrücker Zeitung vor. Die Quelle war ein dubioses Institut namens „Election“ für BILD. Da hätten bei der Saar-SZ alle Alarmlampen klingeln müssen! Wenn man den Einfluss der umstrittenen US-Manipulateure Elon Musk und Peter Thiel auf Springer sieht, darf man sich doch nicht wundern, wenn über den Umweg eines völlig unbekannten dubiosen Instituts plötzlich der ganze Osten blau und der ganze Westen schwarz gezeichnet wird.
Die Methode ist politikwissenschaftlich lächerlich:
„Das Wahlforschungsinstitut hat dabei für die Boulevardzeitung „Bild“ die Gewinnwahrscheinlichkeiten für alle Wahlkreise ermittelt. Die Statistiker haben demnach mehr als 100 000 mögliche Wahlausgänge simuliert, um die Gewinnchancen der Kandidaten auszurechnen – „auf Basis aktueller Umfragen, historischer Ergebnisse und der Beliebtheitswerte.“
Ein sicherer Wahlkreis bedeute eine Gewinnwahrscheinlichkeit von mehr als 99 Prozent, bei einem wahrscheinlichen Wahlkreis-Sieg liege die Chance bei mehr als 85 Prozent und ein Vorsprung im Wahlkreis zeige die Tendenz.“ (Rüdiger Fröhlich, SZ, 11.2.2025)
Spekulativ.
Unjournalistisch.
Und möglicherweise ein Fall für den Presserat.
Auf LinkedIn hat Election-Gründer Matthias Moehl 74 Follower. Veröffentlich hat er dort noch nichts. Die Webseite von election.de sieht ziemlich selbstgebastelt aus. Sehr billig. Eine seriöse Quelle würde ich das nicht nennen. Aber vielleicht irre ich mich ja.
Eine Bemerkung zur Saarbrücker Zeitung (https://leserservice.saarbruecker-zeitung.de/Digital…)
Ein Digitalabo kostet 36,60 Euro im Monat. Macht 440,40 Euro im Jahr. Da darf man schon Qualität und Sauberkeit in der Recherche erwarten.
P.S:
Tröstlich immerhin, dass wir uns mit „Warscheids [reaktionärer] Welt“ nicht mehr rumärgern müssen. Die reaktionäre Weltwochensicht ist rausgeflogen und der Autor scheint gefeuert oder pensioniert oder „Schluss gemacht worden“ zu sein. Munkelt man…
