Jugend mischt auf, Jugend regt an, Jugend regt auf, Jugend mischt mit, Jugend irritiert, Jugend motiviert, Jugend mobilisiert. So kann es sein, so sollte es sein, so ist es aber nicht immer – oder: So ist es schon lange nicht mehr. Jugend ist die Next Generation, die größtes Interesse daran hat, eine Welt vorzufinden, die ihr Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten gibt.
Eigentlich wäre die Zeit reif für ein neues Denken.
Fotos: Armin König
Die Welt ändert sich fundamental. Das Internet ist zu einem neuen Kulturraum geworden, einer neuen Realität, einem neuen Fundament unserer Gestaltungsprozesse. Dabei stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, deren Folgen noch nicht absehbar sind. Was Manuel Castells zu Beginn des Jahrtausends prognostiziert hat, wird nun tatsächlich, wenn auch mit Verspätung, Realität.
Die Welt ist in einem radikalen Umbruch, gesellschaftlich wie politisch. Nichts bleibt, wie es ist. Bildung, Digitalkompetenz, Handeln unter Ungewissheit und selbstständiges Handeln werden zu Kernkompetenzen politischen und gesellschaftlichen Handelns.
Daran muss sich auch kommunale Jugendarbeit messen lassen.
Es gibt zwar noch immer den lokalen, kommunalen Erfahrungsraum. Aber jedes Dorf kann mittlerweile Teil eines Global Villages sein. Überall ist Global Village, überall ist Leben. Das ist auch am Arbeitsleben und im Handel zu erkennen.
Damit verändern sich auch politische Prioritäten und Machtstrukturen. Das muss nicht negativ sein, im Gegenteil. Nie zuvor war es so einfach, mit so wenig Produktionsmitteln so viel zu bewegen, zu erreichen. Das Netz hat die Produktion von Dienstleistungen und die Wissensrecherche und Nutzung revolutioniert.
Und doch hat man immer häufiger das Gefühl, dass Jugendpolitik kein Thema mehr ist. Jugend ist offenkundig bei den Parteien nicht mehr im Fokus. Das war bei der Bundestagswahl besonders deutlich zu erkennen. Eigenständige Jugendarbeit hat in den Debatten vor der Wahl keinerlei Rolle gespielt. Bei Union als stärkster Kraft fand sich die Jugendpolitik nicht einmal als eigenständiges Kapitel im Wahlprogramm, und nicht einmal die Junge Union als Jugendorganisation von CDU/CSU hat dagegen interveniert. Jugendpolitik ist zu einem Randthema degeneriert, obwohl sie eigentlich einen besonderen Stellenwert haben müsste, denn ohne Jugend gibt es keine Zukunft.
Und noch etwas fällt auf: Wenn über Jugendpolitik kritisch diskutiert wird, insbesondere im Deutschen Bundestag und in Länderparlamenten, geht es fast immer um Kinder- und Jugendhilfepolitik. Selbstverständlich ist dies ein wichtiges Politikfeld. Jugendpolitik ist aber weit mehr als nur Kinder- und Jugendhilfe. Sie ist auch weit mehr als Bildungs- und Qualifizierungspolitik, so wichtig diese Themen auch sind. Und Jugendpolitik lässt sich vor allem nicht unter »Familienpolitik« abhandeln.
Weil die Jugendphase eine eigenständige Lebensphase ist, ist auch eine eigenständige kommunale Jugendpolitik unverzichtbar.
Kommunale Jugendarbeit ist Ermutigungspolitik für junge Menschen.
Kommunale Jugendarbeit ist Beteiligungspolitik auf Augenhöhe. Beteiligung und echte Teilhabe sind Schlüsselfragen des Engagements.
Für uns ist Jugend ein zentraler Akteur der Illinger Politik. Das ist nicht immer bequem, aber notwendig und produktiv.
Wenn man ihnen die notwendigen Freiräume gibt, gestalten Jugendliche ihre eigene Welt. Die können nicht wir Erwachsenen bestimmen. Das ist nicht unsere Aufgabe. Wir würden uns damit übernehmen.
Wir wissen, dass sich die gesellschaftliche Realität in den letzten Jahren fundamental verändert hat. Dem muss eine moderne kommunale Jugendpolitik Rechnung tragen. In Illingen praktizieren wir dies seit 20 Jahren. Frank Schuppener ist das Gesicht dieser Jugendpolitik. Ich will mich bei ihm, der einer meiner treuesten Weggefährten ist, herzlich bedanken für seine engagierte und unkonventionelle Arbeit. Er hat Jugendarbeit erst ermöglicht.
Wir brauchen Ermöglicher, nicht Bedenkenträger. Sie müssen die Sprache der Jugend sprechen oder selbst Teil der Jugend-Community sein. Junge Menschen sind die besten Experten in eigener Sache. Sie müssen dazu befähigt werden, ihre Interessen selbst zu vertreten.
Wenn das gelingt, gelingt auch kommunale Jugendpolitik. Sie muss offen sein für neue Wege, neue Ideen.
Davon handelt dieser Originaltext.
Dr. Armin König
Bürgermeister
Februar 2018
1 Einführung
1.1 Was Sie in diesem Essential finden können
- Wie kann erfolgreiche kommunale Jugendpolitik gestaltet werden?
- Welches sind die Erfolgsfaktoren, wo liegen die Fußangeln?
- Welche Ressourcen müssen Kommunen zur Verfügung stellen?
- Partizipation auf Augenhöhe
- Gesetzliche Grundlagen
- Best Practice
1.2 Leerstelle Jugend
Es sind berechtigte Frage in diesen turbulenten, disruptiven Zeiten, in denen vor allem alarmistische Themen Konjunktur haben, in denen auch politische Machtblöcke zerbrechen, Gewissheiten verlorengehen, traditionelle Prioritäten nicht mehr gelten:
Wie ernst nehmen Bund, Länder und Kommunen die Jugendpolitik?
Wer sind die Promotoren? Jugendliche? Bürgermeister? Fraktionen? Sozialarbeiter? Ehrenamtler?
Was können sie bewirken?
Momentan offenbar eher weniger. In den Parteiprogrammen für die Bundestagswahl 2017 war das Thema Jugend kaum präsent, im Sondierungspapier 2018 von CDU/CSU und SPD taucht der Begriff nur fünfmal in peripheren Bereichen auf.
Jugendpolitik scheint ein Randthema zu sein. Der Befund ist im Übrigen nicht neu. Schon 2009 wurde er thematisiert (BMFSJS 2009). »Jugend stärken« hieß das Motto, doch das Rezept wurde nicht eingelöst. Stattdessen ist von »Erosion« (Lindner 2012) die Rede.
Das ist ein Problem, kann aber nicht verwundern. Schon zahlenmäßig verliert die Jugend an Einfluss und Bedeutung, dafür sorgen schon die demografischen Veränderungen. Die ältere Generation wird zahlenmäßig und als Wählerreservoir immer stärker und bedeutsamer, die Jugend wird an den Rand gedrängt. Auch im politischen Agendasetting stehen Themen wie Rente und Pflege weitaus höher im Trend als Generationengerechtigkeit, Talentförderung und Eigenständige Jugendarbeit, die als Begriff und Idee kaum noch auftaucht.
Jugendpolitik ist kein Thema, mit dem man als Politiker oder Politiker Karriere macht. Selbst Jugendpolitiker der Parteien und Jugendorganisationen ziehen Wirtschaftspolitik, Digitalisierung, Bildungspolitik, Energiepolitik oder Gesellschaftspolitik (soziale Gerechtigkeit) vor, wenn sie reüssieren wollen. Infrastruktur und Technologie sind in diesem Zusammenhang besonders gefragt.
Andererseits hat Jugendpolitik eine ausgesprochen politische Dimension. Gerade auf Kreis- und Gemeindeebene gehört sie zu den relevanten Politikfeldern. Jugendzentren, Jugendverbände, Jugendgruppen, Ferienfreizeiten, Jugendaustausch, Jugendtheater, Jugendmedienprojekte, Jugendkurse, Jugendworkshops, Jugendkonzerte, Jugend-Großevents gehören zu den selbstverständlichen Angeboten auf lokaler, regionaler und Landesebene. Es ist ein „weites, buntes Feld an Aktivitäten und Akteuren“ (Pflugmann-Hohlstein 2015, 62) mit ausgesprochen heterogener Trägerstruktur, vertreten sind „nicht nur öffentliche Träger wie Jugendämter und Kommunen […], sondern auch sehr viele freie Träger. Zu Letzteren gehören die Kirchen und großen Verbände ebenso wie die nicht verbandlich organisierten lokalen freien Träger vor Ort“. (Pflugmann-Hohlstein 2015, 62).
Woher kommt dann die programmatische Leerstelle in der politischen Agenda der Parteien? Ist Jugendpolitik mittlerweile zu unspektakulär? Provoziert Jugendarbeit zu wenig Konflikte für eine wahrnehmbare Jugendpolitik?
Zu den aussagekräftigen systematischen Statistiken gehört die Kinder- und Jugendhilfestatistik des Landes Hessen aus dem Jahr 2015. Über 10.000 Angebote mit 34.699 ehrenamtlich pädagogisch tätigen Personen machen die Relevanz der freien Jugendarbeit deutlich (Hessisches Statistisches Landesamt 2017).
Auch bundesweit haben die Angebote einen großen Umfang. „Im Jahr 2015 wurden bundesweit 140.500 Angebote der Jugendarbeit von Trägern der Kinder- und Jugendhilfe durchgeführt.
Wie das Statistische Bundesamt weiter mitteilt, waren dies 97.300 Veranstaltungen und Projekte(zum Beispiel Jugendfreizeiten), 23.800 gruppenbezogene Angebote (regelmäßig und auf Dauer ausgelegte Gruppentreffen) sowie 19.300 offene Angebote (zum Beispiel Jugendzentren).
Mit der neu konzipierten Statistik der Angebote der Jugendarbeit wurden 2015 erstmals auch 567.000 Personen erfasst, die ehrenamtlich an der Durchführung der Angebote pädagogisch tätig waren. Hierbei können Personen, die bei den Trägern mehrfach ehrenamtlich tätig sind, auch mehrfach erfasst sein. Laut Angaben der Träger waren diese Ehrenamtler an 84.000 Angeboten der Jugendarbeit (rund 60% der Angebote insgesamt) beteiligt.“ (DeStatis 28.2.2017)
Andererseits äußerte sich das Deutsche Kinderhilfswerk am 1. März 2017 zur nicht angemessenen Bedeutung der Kinder und Jugendarbeit sehr klar:
„Das Deutsche Kinderhilfswerk sieht keine Trendwende beim seit Jahren festzustellenden Bedeutungsverlust der Kinder- und Jugendarbeit in Deutschland. Die neuen Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen, dass der Anteil der Aufwendungen für die Kinder- und Jugendarbeit an den Gesamtausgaben der Kinder- und Jugendhilfe mit gerade einmal 4,34 Prozent den niedrigsten Wert seit Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes erreicht“. (https://www.jugendhilfeportal.de/jugendarbeit/artikel/deutsches-kinderhilfswerk-neue-kinder-und-jugendhilfestatistik-mit-licht-und-schatten/)
Das deckt sich mit Erkenntnissen von Lindner (2012):
„Im Jahr 2007 wurden bundesweit noch 6,4% der Jugendhilfemittel für die Kinder- und Jugendarbeit aufgewendet, nach Angaben des Statischen Bundesamtes vom 18.1.2012 waren dies im Jahr 2010 nur noch 5,5%. Damit ist, auch unter gleichzeitiger Würdigung leichter Erholungstendenzen, bundesweit ein neuer Tiefpunkt erreicht“ (Lindner 2012, 4).
„Stagnation und Frustration“ konstatiert Deinet (2011), „welche u.a. geprägt war von Mittelkürzungen, jugendpolitischen Versäumnissen, veränderungsresistenten Einrichtungen, Misstrauen zwischen verschiedenen Trägern und einem überalterten Fachpersonal, das weit jenseits aktueller fachlicher Anforderungen vor sich hin dilettierte“. (Lindner 2012, 5)
Das klingt heftig, beschreibt aber die aktuelle Situation.
Zeit für Politik und Medien, sich dem Thema intensiver zu widmen. Denn Jugendarbeit bietet Chancen und kann Innovationen pushen.
1.3 Gelingende Jugendarbeit ist Standortfaktor
Dabei kann »gelingende Jugendpolitik« zum »Standortfaktor für Städte und Gemeinden« (Pletzer 2012) werden. Wo kommunalpolitische Profilierung greift, wo Netzwerkpartner strategisch zusammenarbeiten und Autonomie zugelassen wird, stärkt dies nicht nur die Jugend, sondern auch die Community. Davon profitieren alle.
Es geht um die Frage, welche Kommunen im Wettbewerb, der durch den demographischen Wandel erheblich schärfer wird (König 2011), die Abwanderung talentierter, kompetenter junger Menschen verhindern können oder wie sie junge Menschen nach dem Studium wieder zurück in die Heimat locken können. (vgl Pletzer) Das Attraktivitätsparadigma spielt dabei eine nicht unerhebliche Rolle.
Der Landkreis Trier-Saarburg nennt dies »Bleibeorientierung«.
»Damit die Dörfer eine sichere Zukunft haben, müssen einheimischen Jugendlichen, aber auch Migrantinnen und Migranten Perspektiven angeboten werden. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass sie in der Dorf- oder der Stadtgemeinschaft willkommen sind und ihre Ideen, ihr Engagement und ihre Potentiale zur Gestaltung der Zukunft im Landkreis Trier-Saarburg gebraucht werden.«
Beteiligung auf Augenhöhe, kommunales Handeln für eine jugendgerechte Gesellschaft, faire Bedingungen für junge Menschen im lokalen Kontext, Freiräume für Jugendliche – all dies sind Politikfelder, die in Städten und Gemeinden entwickelt werden können. Jugendpolitik findet entweder kommunal oder überhaupt nicht statt. Deshalb kann Jugendpolitik auch nur lokal entwickelt werden.
1.4 Jugendpolitik braucht Mut, Macht und Motivation
Jugendpolitik setzt Mut, Macht, Mittel und Motivation voraus. Nur so ist die Umsetzung einer Eigenständigen Jugendpolitik tatsächlich möglich. Dafür müssen Politik und Verwaltung bereit sein, Ressourcen und Freiräume zur Verfügung stellen, Rahmenbedingungen für Partizipation zu verbessern und auf Macht verzichten, um Jugendlichen Machtperspektiven zur Umsetzung von Ideen zu eröffnen. Das ist allerdings ein Perspektiven- und Paradigmenwechsel, weil sich Politik und Verwaltung damit auf Ungewissheit einlassen müssen. Das ist für beide Stakeholder nicht einfach. Politische Systeme und Verwaltungen sind auf Stabilität und Veränderungsresistenz aufgebaut. Demgegenüber ist einer »Grassroots-Strategie« (Mintzberg et al. , 2007) das Subversive geradezu implementiert. Andererseits verspricht gerade diese Graswurzel-Strategie beachtliche Erfolge, wie man überall dort sieht, wo umfassende Partizipation in eine konkrete Handlungsstrategie umgesetzt wurde.
Das ist in Zeiten des demografischen und gesellschaftlichen Wandels notwendiger denn je: Handlungsoptionen zu schaffen. Das gilt insbesondere für die Jugend. Darüber hinaus braucht sie Impulse und Erfolge.
Gerade weil die ältere Generation zahlen- und anteilmäßig immer stärker wird, muss eine in aus dem politischen Blickfeld geratene Jugend gerechte Partizipationsmöglichkeiten erhalten. Diese Art der Generationengerechtigkeit ist nicht auf Renten und Schulden fixiert, wie Vertreter einer neoliberalen Wirtschaftspolitik, die Jungen Liberalen und Teile der Jungen Union sie vertreten, sondern auf Entfaltungschancen der jungen Generation.
Für die Gesellschaft ist es existenziell, jungen Menschen Chancen, Entwicklungsmöglichkeiten und Teilhabe zu eröffnen und auf Dauer zu gewähren. Jugendpolitik ist systemrelevant (Lindner 2012,6). Sie hat nach wie vor »ihre sozialpädagogische bildungs-konzeptionelle, jugendpolitische, jugendhilferechtliche und gesellschaftliche Berechtigung« (Lindner 2012,6). Das hat auch starke Gründe und fundamentale Hintergründe.
Jugend war in der Vergangenheit Garant für Innovation und Zukunftsentwicklung, für alternative Politik und für neue Formen der Kommunikation. Zwar kann man Vergangenheit nicht in die Zukunft interpolieren, aber die Innovationskraft der Jugend kann nach wie vor als prägendes Element der Altersentwicklung gesehen werden. Demgegenüber ist die immer stärker werdende ältere Generation massiv auf Sicherung des Status quo bedacht. Senioren sind in hohem Maße veränderungsresistent. In Zeiten der Digitalisierung, der Globalisierung, der Disruption ist dies gerade verheerend für eine Gesellschaft. Sie muss sich verändern und kann nicht stehen bleiben.
Hurrelmann hat schon 2001 darauf hingewiesen, dass das klassische 3-Phasen-Lebenslaufmodell überholt ist. Die Essentials dieses Phasenmodells:
„In der ersten werden die Menschen betreut, gebildet, ausgebildet und auf die zweite Lebensphase vorbereitet, die des Erwachsenen- und Erwerbsalters. In dieser sind sie Vollmitglied der Gesellschaft, können politisch mitbestimmen, erwirtschaften materielle Werte und tragen durch Familiengründung zur Reproduktion der Gesellschaft bei. In der dritten Lebensphase treten sie wieder aus dem Erwerbsleben aus, wobei sie die politischen Gestaltungsrechte behalten.“ (Hurrelmann 2001,3)
Es bleibt festzuhalten, dass das alte Lebensphasen-Modell nicht mehr aktuell, sondern anachronistisch ist. Zum Einen beginnt mit der Pubertät auch die Jugendphase früher denn je. Mädchen sind bei Eintritt in die Pubertät im Schnitt elfeinhalb, Jungen zwölfeinhalb Jahre alt. Damit hat sich die biologische Jugendeintrittsgrenze im Laufe der Jahre deutlich nach unten verschoben.
Das ist die eine Seite der Medaille. Denn trotz des früheren Eintritts in die Jugendphase ist dieser gesamte Lebensabschnitt länger geworden. Zwar wurde die Gymnasialzeit in den meisten Bundesländern verkürzt, doch ändert dies nichts daran, dass die Ausbildungs-, Qualifikations- und Übergangszeit länger denn je dauert. Das war auch eines der Themen beim 16. Kinder- und Jugendhilfetag 2017 in Düsseldorf.
Das Spannende schlechthin aber war das Motto: 22 Millionen Chancen.
Diese Millionen Chancen, die die Jugend der Gesellschaft schenken kann, werden offensichtlich von dieser leichtfertig ausgeschlagen.
Das ist fahrlässig.
„Es kommen härtere Tage“, hat Ingeborg Bachmann in „die gestundete Zeit“ geschrieben (1952).
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Es ist Zeit, die Schuhe zu schnüren und die Gesellschaft vorzubereiten auf gewaltige Veränderungen, die (– man sieht es an den autoritären Führern Trump, Putin, Erdogan, Orban Kaczinsky –) schon jetzt im Gange sind. Man mag das »Zeitalter der Disruptionen« als »Mythos« herunterspielen (Horx 2017). Trotzdem bleibt die Herausforderung großer Veränderungen durch Globalisierung, Digitalisierung und neue biologisch-medizinisch-naturwissenschaftliche Entwicklungen.
Das ist aber auch die große Chance der Jugend, die jede Gesellschaft ergreifen muss (was sie noch nie getan hat, weil es sie störte). Fakt ist, was Horx schreibt :
„Evolution findet nur durch permanente Störung statt.“ (Horx o.J.)
Jugend wird als Störer gebraucht: als Ver-Störer. als Ruhe-Störer, als Zer-Störer der Selbstzufriedenheit. Diese Rolle muss aktiv verteidigt und immer wieder neu erobert werden.
1.5 Literatur
Bayerischer Jugendring. (2011). Grundlagen, Aufgaben, Rahmenbedingungen und Standards für die Kommunale Jugendarbeit in Bayern, Empfehlungen des Bayerischen Jugendrings nach § 85 Abs. 2 SGB VIII für die Jugendämter in Bayern. München: Bayerischer Jugendring.
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (2009): Jugend stärken : Neue Wege einer zukunftsorientierten Jgeundpolitik. Dokumentation der Bundeskonferenz am 15.6.2009 im Umweltforum Berlin. Berlin.
Fischer, Jörg & Lutz Ronald (Hg.) (2015): Jugend im Blick. Gesellschaftliche Konstruktionen und pädagogische Zugänge. Weinheim: Beltz.
Horx, Matthias (2016): Der Mythos Disruption. https://www.zukunftsinstitut.de/artikel/innovation-und-neugier/der-mythos-disruption/
Landkreis Trier-Saarburg (2016): »Jugendpolitik als Standortfaktor« – Einladung zur Fachtagung in Kell am See. http://www.trier-saarburg.de/news/Jugendpolitik-als-Standortfaktor-Einladung-zum-Fachtag-in-Kell-am-See
Lindner, Werner (2012): Klar zur Wende? Jugendpolitik und Jugendarbeit in asynchronen Dynamiken. In: Lindner W. (eds) Political (Re)Turn?. Pädagogik und Gesellschaft, vol 3. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
Pflugmann-Hohlstein, Barbara (2015): Die neue Statistik zu Angeboten der Kinder- und Jugendarbeit – Eine Herausforderung für die amtliche Statistik. In: Statistische Monatshefte Niedersachsen 2/2015, S. 62-67.
Pletzer, Winfried (2012): Gelingende Kommunale Jugendpolitik: Standortfaktor für Städte und Gemeinden. Überlegungen und Erfahrungen zu offensiven kommunalpolitischen Strategien der Jugendarbeit im ländlichen Raum. In: Lindner W. (eds) Political (Re)Turn?. Pädagogik und Gesellschaft, vol 3. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden
Quenzel, Gudrun & Hurrelmann, Klaus & Albert, Mathias: Jugend 2015: Eine pragmatische Generation im Aufbruch. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2015 – Eine pragmatische Generation im Aufbruch. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. S. 375-367.


