Michael Beckert und der Max-Ophüls-Preis – Der Journalist hat Kulturgeschichte geschrieben

Von Dr. Armin König

TÜREN AUF FÜRS KINO VON MORGEN

Das ist Motiv der 47. Ausgabe des Max-Ophüls-Festivals

Das neue Festivalmotiv zur 47. Ausgabe (19.–25. Januar 2026) lädt das Publikum herzlich dazu ein, während der Festivalwoche im Januar das Kino von morgen zu entdecken. Hinter einer nur einen Spalt geöffneten Tür verbergen sich neue, bislang unbekannte Räume, verborgene Stimmen und überraschende Geschichten, die darauf warten, erkundet zu werden.

Ich möchte heute einen der Väter des Festivals vorstellen: den Saarbrücker Kulturjournalisten Michael Beckert, der bei der Saarbrücker Zeitung und beim Saarländischen Rundfunk Maßstäbe gesetzt hat und ohne den es das MOF wohl nicht gäbe.

 

Foto: Michael Beckert (Profilfoto Facebook aus 2018).

Wie alles begann

In den 1970er und 1980er Jahren formte das Programmkino eine Generation, die im Saarland einen innovativen Impulsgeber hatte: Dr. Michael Beckert. Der Film- und Kulturredakteur der Saarbrücker Zeitung war der neue Kinopapst im Saarland. Er animierte uns junge Wilde, die heutigen Babyboomer, ins Kino zu gehen, insbesondere ins Programmkino »camera« an der Berliner Promenade in Saarbrücken. Wir ließen uns begeistert, bezaubern, berühren oder aufrütteln. Gespielt wurden Ariane Mnouchkines „Molière“, Viscontis Camus-Adaption „Lo Straniero“ („Der Fremde“ – unsere Abilektüre), Woody Allens „Manhattan“ oder Polanskis „Tess“. In den Sesseln der „Camera“ ließ sich eine ganze Generation in neue, andere Welten entführen. Kino war Ort der Verliebtheit, der heimlichen Küsse, der Rebellion auch, der Welterfahrung und der Selbstverortung. Michael Beckert war Kritiker und Animateur. Der klugen, belesenen, weltoffenen Feuilletonisten hat vielen den künstlerisch wertvollen Film nähergebracht. Schließlich sahen wir auch den „Willi Busch  Report“, der den ersten Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken abräumte. Womit wir beim Ophüls-Festival, bei Michael Beckert, Albrecht Stuby und Wilfried Dittmar wären. Und damit mittendrin im Thema. Denn die eigentliche Geschichte begann schon ein Jahr vorher. Und auch da spielte Beckert eine zentrale Rolle – und ein schillernder Politiker namens Oskar, der bis heute Schlagzeilen produziert.

Des einen Desaster, des anderen Chance: Wie das Max-Ophüls-Festival entstand

Michael Beckert, Beckert, der höchst kreative Kulturredakteur der Saarbrücker Zeitung, der mit seinen Seiten und Beilagen Maßstäbe für den Regional-Journalismus setzte, hatte gemeinsam mit dem Stadtkino-Leiter Albrecht Stuby die Idee, den in Saarbrücken geborenen Regisseur Max Ophüls zu ehren, dessen Name längst zu den großen des europäischen Kinos zählt. Das war 1979.

Zu dieser Filmreihe reiste auch Ophüls’ Sohn Marcel aus Paris an. Was Marcel Ophüls erzählte, schockte und elektrisierte Beckert.

Saarbrückens französischen Partnerstadt Nantes hatte, so erzählt es Beckert in einem Interview mit Silvia Buss, einen Preis zu Ehren von Max Ophüls gestiftet. Der wurde aber nur zweimal verliehen.

Bei der zweiten Vergabe, 1967, kam es zu einem Riesenkrach mit Marcel Ophüls. Die Konservativen in der Nanteser Politik wollten unter gar keinen Umständen Bertoluccis „Vor der Revolution“ den Preis zuerkennen. Damit war Nantes raus aus dem Geschäft.

„Also haben wir uns überlegt, ob wir nicht so etwas machen könnten“, erinnert sich Beckert. Der Krach in Nantes, der Bruch zwischen Ophüls-Sohn und französischen Stadt-Gewaltigen und das Preisverleihungsdesaster waren für die Franzosen ein Debakel, für Saabrücken ein Glücksfall.

Beckert reagierte sofort.

Als Stuby und er die Idee dem damaligen Oberbürgermeister Oskar Lafontaine vortrugen, habe der nur gesagt: „Ja, wenn‘s nicht mehr kostet, dann macht mal“. So schreibt es Silvia Buss in der Saarbrücker Zeitung (2011).

Und dann haben sie einfach losgelegt

Da habe man im Sommer 1980 losgelegt, mit zwölf Filmen und einem Etat von 50 000 DM. Noch war alles sehr bescheiden, wie Beckert im Nachhinein feststellte. 708 Besucher kamen zu den zwölf Filmen. Kein Vergleich also zu den über 40.000 heute, dem Riesenprogramm, dem großen Budget und den vielen Preisen.

Juroren waren Frankfurts bundesweit bekannter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (»Kultur für alle«),  Filmemacherin Helge Sander und die Filmkritiker Peter W. Janssen und Hans-Günter Pflaum.

Erster Max-Ophüls-Preisträger in Saarbrücken war der Schweizer Autorenfilmer Niklaus Schilling mit seinem skurrilen »Willi-Busch-Report«, der auf seine Weise visionär war: Er sah das Ende der deutsch-deutschen Grenze und die Fake-News-Produktion von Zeitungen voraus – oder machte sie zum Teil der Story. [Darüber gibt es einen eigenen Web-Beitrag].

Peter W. Janssen bemerkt zu Schillings Grenz-Erfahrungen: »Grenze bedeutet für Schilling und ist in seinen Filmen immer auch etwas anderes als die zwischen Staaten, Sprachen, Gesinnungen. Grenzen sind auch zwischen Tag und Nacht, Leben und Kino, Außen und Innen, Realität und Phantasie, starrer Einstellung und Travelling, Ort und Zeit, Szene und Fahrt. Und immer geht es auch hier darum, Grenzen zu überschreiten, zu überwinden und aufzulösen. Deshalb sind seine Filme so konsequent und besessen wie kaum andere von der Bewegung bestimmt, leben und atmen mit ihr, sind in doppeltem Sinne bewegte Bilder, in und mit denen viel gereist und gefahren wird.«

Schon im zweiten Jahr folgte der erste Skandal: Frank Ripplohs autobiografischer Schwulen-Film Taxi zum Klo brachte empörte Reaktionen im Stadtrat hervor – ausgerechnet von liberaler Seite. Manche wollten das Festival gleich wieder abschaffen. Doch der Streit erwies sich als Glücksfall: Über Nacht war Saarbrücken Gesprächsthema in der Republik. „Als ich zur Berlinale kam, sprach mich jeder darauf an“, erzählte Beckert später lachend.

Beckert und Stuby haben als Initiatoren definitiv Geschichte geschrieben.

Beckerts Bio

Beckert legte den Grundstein seiner Laufbahn beim Fränkischen Tag, wo er bereits während der Semesterferien redaktionelle Erfahrung sammelte. Nach dem Abitur 1963 in Bamberg studierte er in Erlangen Germanistik und Politikwissenschaften, 1970 folgte die Promotion über das Erzählwerk von Heinrich Böll. Schon hier zeigt sich ein analytischer Blick für gesellschaftliche und künstlerische Fragestellungen – ein Blick, den er sein gesamtes Berufsleben schärfen und einsetzen sollte.

1969 zog es ihn zur Saarbrücker Zeitung, wo er als Feuilleton-Redakteur vor allem die Sparten Film, Theater und Bildende Kunst prägte. Die Jahre an der SZ waren gekennzeichnet vom Wandel der Gesellschaft, neuen filmischen Ausdrucksformen und den aufziehenden Diskursen um Kino als Spiegel sozialer Veränderung. Nach Stationen als stellvertretender Ressortleiter und Chefreporter übernahm Beckert schließlich die Leitung des Ressorts Film, Fernsehen und Magazin. Nebenbei engagierte er sich als Redaktionssprecher für seine Kolleginnen und Kollegen – ein Beweis für sein soziales Verantwortungsgefühl.

Der Max-Ophüls-Preis: Vision, Mut und Umsetzung

Doch Michael Beckert blieb nie bloßer Kommentator des Kulturbetriebs. Sein prägender Moment kam 1979, als er zusammen mit Albrecht Stuby, dem Leiter des Saarbrücker Stadtkinos, eine umfassende Retrospektive des Werkes von Max Ophüls organisierte. Man ehrte nicht nur den berühmten Sohn der Stadt, sondern rückte zugleich den künstlerisch anspruchsvollen, gesellschaftlich engagierten Kinofilm ins Zentrum.

Im Laufe der Jahre entwickelte sich aus dem kleinen Festival eine Institution im deutschsprachigen Kino. Der Max-Ophüls-Preis wurde zum Sprungbrett für Regisseurinnen und Regisseure, für Schauspiel- und Drehbuchtalente, zum Ort für mutige Debatten und kontroverse Premieren. Heute zählt das Festival über 40.000 Besucher jährlich und hat zahllose Karrieren befördert.

Der Wechsel zum SR

1988 folgte der Wechsel zum Saarländischen Rundfunk. Hier steuerte Beckert als Leitender Redakteur und später als Hauptabteilungsleiter Fernsehspiel und Unterhaltung die programmatische Ausrichtung des SR und prägte das Sendeprofil des dritten Programms. Unter seiner Führung entstanden Fernsehklassiker wie Kein schöner Land, die Musik- und Unterhaltungsformate Goldene Europa und Familie Heinz Becker, aber auch Krimiformate wie Tatort und kulturell anspruchsvolle Reihen wie Gesellschaftsabend mit Hanns Dieter Hüsch.

Besonders hervorzuheben ist Beckerts Einsatz für den gesellschaftlichen Brückenschlag: Viele seiner Produktionen verbanden Unterhaltung mit sozialer Beobachtung und regionaler Verwurzelung. Die Volksmusikreihe Kein schöner Land, ursprünglich vom SR-Unterhaltungschef Hans Bernhard Theopold konzipiert, wurde unter Beckerts Leitung über 15 Jahre hinweg zum Quotenbringer. Beckert sorgte dafür, dass Musik und Tradition nicht folkloristisch erstarrten, sondern lebendig ins Fernsehprogramm eingebracht wurden.

Der SR profitierte von Beckerts Fähigkeit, große Produktionsprojekte zu koordinieren, innovative Formate zu etablieren und den Kontakt zu Kreativen zu pflegen. Als Mitglied der ARD-Gemeinschaftsredaktion Hauptabendserie zeichnete er auch für bundesweite Produktionen wie „Liebling Kreuzberg“, „Adelheid und ihre Mörder“ und als Executive Producer für „Julia – Eine ungewöhnliche Frau“ verantwortlich.

Auszeichnungen und bleibende Wirkung

Beckert blieb nicht nur als Förderer und Mitgestalter, sondern auch als Mentor und Juror dem deutschsprachigen Film treu. Von 1980 bis 1988 prägte er als Mitglied des Auswahlausschusses die filmische Qualität und Richtung des Max-Ophüls-Festivals. In späteren Jahren gab er sein Wissen als Dozent weiter – an der Katholischen Akademie für Sozialwesen, der Universität des Saarlandes und der Fachhochschule für Grafik und Design.

Die Liste seiner Ehrungen zeugt von der Anerkennung, die Beckert auch außerhalb des Saarlandes erfährt: 1998 wurde er mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet, 2000 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, 2004 erhielt „Familie Heinz Becker“ den Deutschen Comedy-Preis.

Im Vorruhestand veröffentlichte er als Herausgeber und Autor zusammen mit Kurt Bohr die Monografie „Max Ophüls: Das Leben – ein Reigen“.

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